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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen. Z. 465. 466.

bei der Ermordung ihres Gemahls (8- 444) sich und das Reich überlassen,folgte eine große Reihe anderer Liebhaber, die alle mit Ehren und Reichtümernüberschüttet wurden. Die Stelle eines begünstigten Favoriten der Kaiserinwurde zuletzt wie ein Hofamt vergeben. Keiner genoß jedoch so dauernd ihreGunst wie Potemkin der Taurier. Sechzehn Jahre lang lertete er die An-' gelegenheiten des Staats und die Eroberungspläne, lebte während der Zeitmit einer ans Fabelhafte grenzenden Pracht und trug die Reichtümer, womitihn seine freigebige Gebieterin überschüttete, auf die auffallendste Weise zurSchau. Nur ein Mann von so kühnem Unternehmungsgeist, der weder Men-schenleben noch Geld schonte, war in den Augen der Kaiserin fähig, ihrer Re-gierung den würdigen Glanz und Ruhm zu verleihen. Die Leiden, die dessenbarbarischer Ungestüm und seine maßlose Verschwendung über das Volk brach-VAs? ten, schlug sie nicht an. Die Empörung Pugatschews, eines dänischenKosaken, der sich für Peter III. ausgab und in den Wolgagegenden großen,77». Anhang fand, wurde bald unterdrückt. Pugatschew,von seinem Busenfreundeverraten, ward in Moskau enthauptet und sein Leichnam zerstückelt.

4. Die Teilungen Polens und Rußlands Lriege mit -er Türkei.

P»le». 8- 465. Schon längst war das polnische Reich ein morscher Bau, der sichnur durch die Zwietracht und Eifersucht der Nachbarstaaten, nicht durch eigeneKraft aufrecht erhielt. Die Wahlverfassung war das Unglück des Landes;jede Thronerledigung erzeugte die heftigsten Wahlkämpfe, durch welche die Na-tion in Parteien gespalten, Bestechung und Käuflichkeit herrschend wurden undder Adel sich solche Rechte erwarb, daß dabei kein geordnetes Staatswesen be-stehen konnte. Die Krone war machtlos; der Reichstag, von dem dieRe-vublik Polen" die Gesetze empfing, ist wegen der leidenschaftlichen Parteikämpse,die jede Beratung erfolglos machten, sprichwörtlich geworden: alle Gewaltlag in der Hand der gewaffneten Verbindungen (Konföderationen).Ein Reich, wo allein der Edelmann Freiheit und Waffenrecht besaß und imVertrauen auf sein Schwert die Gesetze verachtete, wo leibeigene Bauern imZustand der Knechtschaft und in grenzenloser Stumpfheit und Unwissenheitgehalten Wurden, wo eine gewinnsüchtige Judenschaft die Gewerbe und denHandel betrieb, die in andern Ländern das Besitztum eines gebildeten Bürger-«riedris standes waren, mußte die eroberungssüchtigen Nachbarn lüstern machen.?urustm Nach Friedrich Augusts III. Tod war das polnische Reich wieder den alten«. s-pt^ Wahlstürmen preisgegeben, bis endlich Stanislaus Poniatowski, ein frühererGeliebter der Kaiserin Katharina II., unter dem Geklirre russischer Säbel in der»Ä- Ebene von Wola zum König gewählt ward. Poniatowski war ein Kenner und,7ss. Beschützer der Litteratur und der Künste, ein liebenswürdiger, feingebildeter7 »7»». Manri, aber als König ohne Charakterstärke und Willenskraft. Schwach undhaltungslvs war er ein Spielball in den Händen der Mächtigen. Der russischeGesandte in Warschau vermochte mehr als er: und damit Polen nie aus demZustand der Unordnung und Ohnmacht sich erhebe, waren Rußland undPreußen bedacht, die alte Verfassung unverändert zu erhalten.

8.466. Da geschah es, daß die polnischen Dissidenten, wozu nicht nurProtestanten und Socinianer, sondern auch die Bekenner der grie-chischen Kirche gerechnet wurden, bei dem Reichstag um Rückerstattung derihnen durch die Jesuiten entrissenen kirchlichen und bürgerlichen Rechte bittendeinkamen. Ihr Gesuch, obwohl von Rußland, von Preußen und von den mei-sten protestantischen Regierungen unterstützt, wurde auf Betreiben des Klerusvon dem katholischen Adel auf dem Reichstag verworfen. Nun bildeten dieDissidenten im Verein mit der Partei der Liberalen und Unzufriedenen die