Ä66
Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen.
tz. 510. 511.
IM
Friedens von Österreich getrennt, blieb ihm nichts übrig, als sich dem Macht-spruche des Siegers zu fügen. — Die Nachricht von der raschen Wendung derDinge durch die Schlacht beiAusterlitz machte auf den englischen Minister Pitteinen so erschütternden Eindruck, daß er bald nachher starb (Januar 1806).
Z. 510. Durch die Erhebung der Kurfürsten von Bayern und vonWürttemberg zur selbstherrlichen (souveränen) Königswürde war bereitsdie Verfassung des deutschen Reichs aufgelöst. Napoleon kam daher auf denGedanken, durch Stiftung des Rheinbundes den Süden und Westen vonDeutschland dem österreichischen Einflüsse ganz zu entrücken und an sich zuketten. Aussicht auf Ländergewinn und Machtvergrößerung und Furcht vordem gewaltigen Gebieter, auf dessen Seite immer das Schlachtenglück war,brachten eine große Anzahl Fürsten und Reichsstände zur Trennung vom deut-schen Reich und zum Anschluß an Frankreich. Eigennutz war mächtiger alsVaterlandsliebe. Am 12. Juli 1806 wurde in Paris der Grundvertrag unter-zeichnet, kraft dessen Napoleon als Protektor des Rheinbundes den ein-zelnen Bundesgliedern vollkommenes Herrenrecht (Souveränität) zuerkanntegegen die Verpflichtung, eine bestimmte Anzahl Truppen zu des Kaisers Ver-fügung bereit zu halten. Bayern, Württemberg, Baden, Hessen-Darmstadt,Nassau u. a. m. bildeten den Kern, an den sich die kleineren Fürsten, wie Hohen-zollern, Liechtenstein, Solms u. a., anschlössen, bis allmählich fast alle deutschenReichsländer zweiten und dritten Ranges demBundebeitraten. Der zumFürst-Primas erhobene Kurfürst-Erzkanzler Dalberg, der Frankfurt nebstHanaUund Fulda als Fürstentum erhielt, ward als Napoleons Stellvertreter beiinRheinbund ausersehen. Durch Unterordnung (Mediatisierung) vieler kleinen,vordem unmittelbaren Reichsstände unter die Oberhoheit der größerer Fürstennahm die Macht der meisten Bundesglieder bedeutend zu. Kaiser Franz ll-entsagte nunmehr der deutschen Kaiserwürde, nannte sich Franz I., Karservon Österreich, und entzog seine sämtlichen Staaten dem deutschen Reichs-,8o«b' verband. Damit wurde das heilige römische Reich deutscher Nation aufgelöst.Durch innere Zwietracht und machtlose Vielherrschaft war es längst zuinSchatten herabgesunken. Jetzt wurden seine mächtigsten Glieder die Vasalleneines fremden Zwingherrn. Wohl drückte das Gefühl der Schmach manchedeutsche Brust, und E. M. Arndt gab in dem „Geist der Zeit" dem GefühlWorte; aber wer wagte es noch ferner zu sprechen, seitdem der wackere Buch-^8««?' Händler Palm von Nürnberg auf Befehl des despotischen Machthabers dasOpfer eines schmachvollen Justizmordes geworden, weil er sich weigerte, denVerfasser einer von ihm verlegten oder nur versendeten kleinen Schrift überDeutschlands Erniedrigung anzugeben?
3. Jena. Tilsit. Erfurt.
H. 511. Die schwankende Haltung Preußens hatte Napoleon mit tiefernGroll erfüllt und die Ansicht in ihm erzeugt, daß der König als Freund un-zuverlässig, als Feind unschädlich sei. Er setzte daher alle Rücksicht und Scho-nung beiseite und fügte der preußischen Regierung absichtlich viele Kränkungenzu. Die dadurch herbeigeführte Spannung wurde durch zwei Ursachen zunrvölligen Bruch gesteigert: 1) Der Stiftung des Rheinbundes schien die Ab-sicht unterzuliegen, Deutschland allmählich ebenso von dem fränkischen Kaiser-tum abhängig zu machen, wie Italien und Holland. Preußen suchte daherdurch Gründung eines nordischen Bundes, dem alle am Rheinbünde nochunbeteiligten Reichsstände beitreten sollten, dieses Vorhaben zu vereiteln UMfühlte sich tief verletzt, als Napoleon den Plan, den er selbst angeregt hatte, rnneigennütziger Doppelzüngigkeit hintertrieb. 2) Man brachte in Berlin in Er-fahrung, daß der französische Kaiser bei Erneuerung der Friedensunterhand-