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§> 512. 513. Napoleon Bonapartes Machtherrschaft (Tilsit. Erfurt).
Bungen mit der englischen Regierung dieser angeboten habe, das an Preußenabgetretene Kurfürstentum Hannover wieder zurückzugeben, ohne mit derpreußischen Regierung darüber Rücksprache zu nehmen. Diese Erfahrungen,berbunden mit mannigfachen Grenzverletzungen, brachten die preußischeRegierung zu der Überzeugung, daß sie sich von Frankreich des schlimmsten zubersehen habe. Sie forderte in einem „Ultimatum" Abstellung aller Klage-punkte, setzte die Heere auf den Kriegsfuß und brach alle Verbindungen mitParis ab.
§. 512. Während man in Berlin noch die letzte Antwort von Frankreicherwartete, standen die französischen Truppen unter Napoleon und seinen kriegs-kundigen Marschällen schon im Herzen von Thüringen und Sachsen, dessenKurfürst sich nach einigem Sträuben an Preußen angeschlossen. Gleich das ersteTreffen bei Saalfeld, wo der tapfere Prinz Ludwig Ferdinand seinen io. o«.Tod fand, war den Preußen entgegen; aber schrecklich und verhängnisvoll wardie Niederlage des von dem alten Herzog von Braunschweig befehligtenHeeres in der großen Doppelschlacht von Jena und Auerstiidt. Sie entschied über «. o».das Schicksal der Länder zwischen Rhein und Elbe. — Jetzt schlug der frühereÜbermut der Offiziere und Junker plötzlich in Kleinmut um, und die größtePlan - und Ratlosigkeit bemächtigte sich der Führer. Da keine VorkehrungenZum Rückzug getroffen waren, so trennten sich die Heere in mehrere Abteilungenund wurden einzeln die Beute des Siegers. Der alte Fürst von Hohenlohe,der nach tapferm Kampfe über Magdeburg nach Stettin ziehen wollte, strecktebei Prenzlau die Waffen und lieferte 12000 Mann in Kriegsgefangenschaft;die Festungen Erfurt, Magdeburg, Spandau, Stettin u. a. ergaben sichinnerhalb weniger Tage mit solcher Eilfertigkeit, daß man bei vielen Befehls-habern Verrat argwöhnte, weil eine solche Mutlosigkeit, ein so gänzlicher Man-gel an Selbstvertrauen unbegreiflich schien. Nur Blüch er rettete in den blu-tigen Kämpfen in und bei Lübeck die preußische Ehre, wenn er gleich die mitGreuelnbegleiteteErstürmung der wenig befestigten Stadt nicht hindern konnte;und auch in Colb erg widerstanden Gneisenau und Schill, unterstützt vondem wackern Bürger Nettelbeck, mutvoll dem übermächtigen Feinde. Drei-zehn Tage nach der Schlacht von Jena zog Napoleon in Berlin ein und ließvon dort aus seine Machtsprüche ergehen. Der Kurfürst von Hessen, derneutral bleiben wollte und seine schlagfertige Armee dem Kampfe entzogenhatte, mußte Heer und Land dem Feinde überlassen und als Flüchtling in derFremde Schutz suchen. Er nahm seinen Aufenthalt in Prag. Der schwerver-tvundete Herzog von Braunschweig, der nach der Schlacht von Jena aufeiner Bahre in seine Hauptstadt gebracht worden war, mußte auf dänischemGebiet eine Zuflucht suchen, um ruhig sterben zu können. Jever und Ost-sriesland wurden mit Holland verbunden, die Hansestädte wie auch Leipzigdurch Wegnahme aller englischen Waren und durch schwere Krieassteuern ge-drückt, aus allen Gegenden Schätze der Kunst und Wissenschaft und dieTrophäen früherer Siege weggeführt. Nur dem Kurfürsten von Sachsen,dessen Truppen bei Jena mitgefochten, ließ Napoleon Gnade widerfahren. Erletzte die kriegsgefangenen Sachsen in Freiheit und gewährte dem Kurfürsten Am.einen günstigen Frieden, worauf dieser, mit dem Königstitel geziert, gleichden übrigen sächsischen Herzögen dem Rheinbund Leiirat. Seitdem fühltesich Friedrich August zu seinem und seines Volkes Unglück durch die Bande derDankbarkeit an den französischen Kaiser gefesselt.
H. 513. Der König von Preußen war nach Königsberg geflüchtet, wo