Buch 
Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
Seite
376
JPEG-Download
 

376

Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen.

l. 523.

der Teilnahme am öffentlichen Wohl in der Nation. Diesen Reformen vor-nehmlich ist es zu danken, daß der preußische Staat aus der furchtbaren Kata-strophe die Kraft und den Mut zur sittlichen und politischen Wiedergeburtschöpfte. Scharnhorst schuf in Verbindung mit Gneifenau, Clausewitzu. a. das Heerwesen gänzlich um; an die Stelle geworbener Truppen trat dreallgemeine Wehrpflicht, das Ehrgefühl des Gemeinen wurde durch Eröffnungder Offiziersstellen für alle und durch Abschaffung entehrender Strafen ge-weckt. Zwar sah sich der König nach einiger Zeit gezwungen, die vaterländi-schen Ratgeber zu entfernen, als Napoleons Machtspruch den MannNamens1808 . Stein" ächtete und ihn dadurch nötigte, zuerst in Prag, dann in Rußland einensichern Zufluchtsort zu suchen; aber ihre Schöpfungen blieben bestehen undbildeten die Grundlage eines freien, auf Rechtsgleichheit aller Bürger be-ruhenden Staatswesens. Steins Nachfolger, der kluge Staatskanzler vonHardenberg, handelte soviel als möglich nach denselben Grundsätzen, undder Tugendbund, dem die edelsten Männer des Landes angehörten oderdoch beistimmten, sowie die neugegründete Universität Berlin (1810) undFichtesReden an die deutsche Nation" pflegten vaterländische Gesinnungund Freiheitsgefühl im Volke und bei der strebsamen Jugend.

tz. 523. Das französische Kaisertum auf feiner Höhe. Nachdem Wiener Frieden stand Napoleon auf dem Gipfel der Macht und Größe.Nur der Gedanke, keinen Leibeserben zu haben, quälte ihn; darum ließ er sich15. Dez. auf Grund eines bei der Trauung begangenen Formfehlers von Joseph inescheiden und vermählte sich mit Marie Luise, Tochter des Kaisers von Öster-reich. Am 2. April 1810 feierte er seine Vermählung mit derTochter derCäsaren", wobei fünf Königinnen die Schleppe trugen und eine unerhörte Prachtentfaltet wurde. Aber der Brand bei dem Ballfeste, das der österreichische Bot-schafter, Fürst Schwarzenberg, zu Ehren der Vermählten veranstalteteund wobei dessen Schwägerin in den Flammen umkam, wurde als unheilver-20 -Mtirz kündende Vorbedeutung genommen. Als dem Kaiser im nächsten Jahr einSohn geboren wurde, her den prunkvollen Titel einesKönigsvonRom"erhielt, schien sein Glück vollendet und Frankreichs Zukunft entschieden. DochStolz und Herrschsucht trieben ihn zu immer neuen Gewaltschritten; die Ver-bindungen, Trennungen und Vertauschungen von Ländern und Gebietsteilennahmen kein Ende; was der Mächtige heute schuf, stürzte er morgen um; wener in einem Jahre groß gemacht, demütigte er im nächsten. Die Kontinental-sperre wurde zur Verzweiflung des Handels- und Gewerbstandes immerstrenger. Als sich König Ludwig von Holland dagegen auflehnte und seinemVolke einige Erleichterungen gewährte, wurde er von seinem kaiserlichen Bru-der so lieblos und unwürdig behandelt, daß er dem Thron entsagte, worauf^i8io? Napoleon das Königreich Holland mit Frankreich vereinigte. EinigeMonate später fügte er auch die Hansestädte Hamburg, Bremen, Lübeck,ferner das Herzogtum Oldenburg und andere zwischen Rhein und Elbe ge-legene Ländergebiete dem französischen Kaiserreiche bei, das somit die ganzeKüste der Nordsee beherrschte und 130 Departemente zählte. Hamburg wurdezur Hauptstadt des neuen Regierungsbezirks erhoben und der strenge Davoustals Befehlshaber eingesetzt. Mit der Vergrößerung nach außen nahm dieKnechtung im Innern zu. Eine furchtbare Staatspolizei unterdrückte denletzten Rest der Freiheit und bedrohte jeden Verdächtigen mit Verfolgung undGefängnis. Willkür, Leidenschaft und Despotenwille traten an die Stelle desVölkerrechts; Handelssperre, Steuerdruck, Militäraushebungen waren die Lastender befreundeten Länder, Kriegsnot, Erpressungen und Einquartierungendie Drangsale der feindlichen Völker.