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Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen. 8- 527.
bedeckte Brandstätte. In Smolensk wurde Kriegsrat gehalten; allein so vieleStimmen sich auch gegen die Fortsetzung des Zugs erklärten, Napoleon bestandaus der Eroberung von Moskau, wo er zu überwintern und Alexander zu einemFrieden zu zwingen gedachte. Die Russen murrten über Barclays Kriegsfüh-rung wie einst die Römer über das Zaudern des Fabius, weshalb Alexanderden General Kutusow zum Oberanführer ernannte, der als Eingeborner demVolke näher stand und wegen seiner Anhänglichkeit an die religiösen Gebräuche,an die altrussischen Sitten und Gewohnheiten bei dem gemeinen Russen sehr'beliebt war. — Die heilige Stadt Moskau mit ihren zahllosen Türmen undvergoldeten Kuppeln durfte Kutusow nicht in die Hände der Franzosen fallenlassen, wenn er nicht alle Volksliebe verlieren wollte. Er machte Halt undText. führw dadurch die mörderische Schlacht von Borodino an der Moskwa her'bei, in der zwar die Franzosen die Wahlstatt behaupteten, aber die Russen inOrdnung abziehen lassen mußten. Über 70000 Getötete und Verwundete be-deckten das Schlachtfeld; Netz, „der Fürst von der Moskwa", war der Helddes Tages. Am 14. Septbr. zogen die Franzosen in Moskau ein. Der Adelund die wohlhabende Bürgerschaft hatten die Stadt verlassen. Schon beimEinzug überfiel ein unheimliches Grauen die Soldaten, als sie in den Straße» ;° . büß einiges Gesindel herumschleichen sahen: aber wer schildert ihr Entsetzen, j
fig^'als der viertägige Brand von Moskau, der bei dem Abgang aller Löschanstal-isis. tm sich bald zu einem Flammenmeer gestaltete, neun Zehntel der aus Holz ge-bauten Stadt nebst der alten Zarenburg (Kreml), die sich Napoleon alsWohnstätte ausersehen, in Asche legte! Der Befehlshaber von Moskau, Ro-st optsch in, hatte ohne des Kaisers Befehl diese entsetzliche That angeordnet,um der großen Armee die Winterquartiere zu rauben und sie zu einem verderb-lichen Rückzug zu zwingen. Aller Zucht und Ordnung vergessend, stürzten sich ldie Soldaten in die brennenden Häuser, um ihre Raublust und Leidenschaft zubefriedigen.
§. 527. Aus allem ging hervor, daß die Russen einen Vernichtungskriegführten, und dennoch ließ sich Napoleon in unbegreiflicher Verblendung durchdie arglistig genährte Hoffnung eines Friedens zu einem Aufenthalte von34 Tagen in Moskau verleiten, ohne einsehen zu wollen, daß Kutusow ihn biszum Eintritt des Winters hinzuhalten suchte, damit die Kälte die schlecht ge-kleideten und am Notdürftigsten Mangel leidenden Soldaten aus dem Rückzugvernichte. Spät im Oktober, nachdem die Franzosen die Zarenburg in die Lustgesprengt, wurde endlich der verhängnisvolle Rückzug der großen Armee an-getreten, der in der Geschichte der Kriegsleidcn seinesgleichen nicht hat. Deranfängliche Plan, gegen Kaluga zu ziehen, wurde nach der entsetzlichen SchlachtA. On. von Malo-Jaroslävetz aufgegeben und der Weg über das leichenbedeckteSchlachtfeld von Borodino nach Smolensk angetreten. Im November stieg dieKälte auf 18 Grad und erreichte später 27. Wer vermöchte alle Leiden, Kämpftund Mühseligkeiten zu schildern, durch welche die große Armee in dem strengenWinter allmählich aufgerieben wurde? Hunger,' Frost und Ermattung rich-teten größere Verheerungen an, als die Kugeln der Russen und die Lanzen derKosaken. Es war ein Anblick zum Entsetzen, Tausende von verhungerten oderersrornen Kriegern an der Heerstraße und auf den öden, mit Schnee und Glatt-eis überdeckten Steppen abwechselnd mit gefallenen Pferden, weggeworfenenWaffen und kostbaren Beutestücken liegen zu sehen. Kutusow, der in einer Pro-klamation den Brand von Moskau den Franzosen zuschrieb, um das Volk nochmehr zum Haß gegen dieselben zu entflammen, wich den Feinden nicht von derSeite und zwang sie, jeden Schritt zu erkämpfen. Als um die Mitte des No-°vember Smolensk erreicht wurde, zählte das Heer noch etwa 40000 streitbare