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Die neuromantische Litteratur und Kunst.
Herz und Sinn mit Vorliebe weilte, wo er seine Stoffe für seine Standbilder undReliefs holte („Alexanderzug"); aber er stand zu sehr im handelnden Leben, als daß^ sich der herrschenden Zeitrichtung hätte entziehen mögen. Diese aber ging auf dasReligiöse und Praktische. Darum war Thorwaldsens spätere Thätigkeit hauptsächlichder kirchlichen Plastik und der monumentalen Kunst zugewendet. Christus selbst, dieApostel und andere Gestalten aus der heiligen Geschichte wurden von ihm in einerReihe von Kunstwerken dargestellt. Unter den Monumentalwerken sind am bekann-tsten: das Guttenbergdenkmal in Mainz, das Standbild Schillers in Stuttgart, dersterbende Löwe in Luzern. Mit Ehren und Auszeichnungen überschüttet wie keinKünstler vor ihm, hat Thorwaldsen dennoch stets die Einfachheit und die gemüt-liche Unterhaltung im Freundeskreise allem Glänze vorgezogen. Wenn auch Thor-waldsen alle seine Zeitgenossen an Meisterschaft und Zahl der Kunstwerke weit über-ragte, so fanden doch auch noch andere Bildhauer Raum und Gelegenheit zu Ehreund Ruhm. Dannecker aus Stuttgart erwarb sich den Dank der deutschen Nation°urch die Büste Schillers. Unter seinen übrigen Werken ist am berühmtesten dieAriadne aus dem Tiger in Frankfurt a. M. Joh. Gottfr. Schadow aus Berlin,
Bater des Malers, hat durch seine „Siegesgöttin mit dem Viergespann" auf dem rsso.Brandenburger Thor und durch eine Anzahl von Statuen den Beweis gegeben, daßer es verstand, „die Kunst in das richtige Verhältnis zur Natur und Wirklichkeit zusitzen". Er war der Begründer des „Realismus" in der Bildnerei, der in Darstellungund Gewandung sich nahe an das wirkliche Leben hielt. In gleichem Sinn, aber mitgrößerer Genialität wirkte in Berlin der Meister Christian Rauch aus Arolsen.
Dem „Denkmal der Königin Luise" im Mausoleum zu Charlottenburg folgten die ^7.Standbilder von Bülow, Scharnhorst, Blücher, das Denkmal auf dem Kreuzberg,
As er in dem herrlichen „Denkmal Friedrichs II." unter den Linden in Berlin, einemAsirk vaterländischer Liebe und Begeisterung, den Höhepunkt seines Ruhms erreichte.
"Nter Rauchs Schülern ragen besonders Ki ß („die mit dem Tiger kämpfende Ama-^ue zu Pferd") und Ernst Rietschel aus Sachsen hervor. Der letztere hat in derBildsäule Lessings zu Braunschweig und in der Gruppe Goethe und Schiller zu rssi.Weimar die schwierige Aufgabe gelöst, Statuen im Gewände der Zeit darzustellen,ohne der Idealität der Auffassung zu nahe zu treten. Über den Arbeiten zu demgroßartigen Lutherdenkmal in Worms raffte den Künstler, der sich aus Armut undRiedrigkeit durch eigene Kraft und angeborene Genialität in die Höhe gerungen, einfrüher Tod weg. Ein neues Kunstleben in der Bildnerei entfaltete sich gleichzeitgin München durch Ludw. Schwanthaler. Wenn auch nicht unempfänglich für dieantike Kunst, so weilte er doch mit Vorliebe bei der Herrlichkeit der deutschen Ritter- wW-örit, die er mit den Blicken eines Romantikers in idealer Verklärung auffaßte. UnterAn zahlreichen Werken dieses produktiven Künstlers sind am bekanntesten: DieStandbilder Mozarts (in Salzburg), der Großherzoge Karl Friedrich von Badennnd Ludwig von Hessen (in Karlsruhe und Darmstadt), Goethes (in Frankfurt).
Aber das größte Denkmal setzte er sich selbst in dem Riesenwerke „Bavaria" vor derRuhmeshalle in München. — Der in München und Berlin erwachte Kunstsinn gabsich auch in der Baukunst zu erkennen. Dort wetteiferten zwei Männer von ent-Angesetzter Richtung in dem gleichen Streben, die Hauptstadt Bayerns mit herr-schen Bauwerken zu schmücken: Leo von Klenze, ein Bewunderer des griechischen^äulenbaues, nach dem er die „Glyptothek", die „Walhalla" unweit Regensburg, rsse.oon Prachtbau der „Eremitage" in Petersburg mit Karyatiden und andere Bau-werke aufführte, und Fr. Gärtner, der in der „Ludwigskirche" und in den übrigen ^«rtn-rGebäuden der Ludwigsstraße den romanischen Stil in Anwendung brachte. In Berlin wir,">ußte K. Fr. Schinkel die durch die Romantik erlangte Anregung mit den Kunst-besitzen der Alten zu neuen harmonischen Formen zu verbinden („Denkmal auf dem is».Kreuzberg", „Hauptwache", „Schauspielhaus", „Museum" u. a.). Alle diese Kunst-