420
Zeitalter der Revolutionen und Restaurationen.
Z. 566.
März
1648.
Z. 566. Die Nachricht von der Pariser Februar-Revolution brachte in ganzEuropa eine mächtige Erschütterung hervor. In Deutschland, Ungarn,Italien und anderwärts entstanden Volkserhebungen, die an Stärke und Aus-dehnung alle früheren Bewegungen weit übertrafen. Eine Propaganda, die inParis ihren Sitz und Mittelpunkt hatte, schürte das revolutionäre Feuer undverbreitete republikanische Ideen mit sozialistischer und kommunistischer Fär-bung als Reizmittel für die untern Volksklassen. Die ersten Wirkungen zeigtensich m Baden. Das rege politische Leben, wodurch sich das GroßherzogtuMvon jeher ausgezeichnet, schien ihm das natürliche Recht zu geben, mit der Fahnedes Fortschritts und der Neugestaltung voranzugehen. Dringende Petitionenan die gerade versammelten Landstände, in stürmischer Weise überbracht, ver-langten: Preßfreiheit, Schwurgerichte, Bürgerwehr unter selbstgc-wählten Führern und ein deutsches Parlament als Volkshaus neben demBundestag. Die badische Regierung gewährte nicht nur diese Punkte, so vielin ihrer Macht stand, sondern traf auch noch andere versöhnende Maßregeln.Badens Beispiel wirkte auf die übrigen deutschen Staaten. Dieselben Förde-rungen wurden nach und nach allenthalben gestellt und gewährt und damitnoch andere verbunden. In Württemberg, Sachsen und andern Staatenwurden die Häupter der liberalen Opposition in die Ministerien berufen unddie Zügel der Regierung in ihre Hände gelegt. In Heidelberg tagten die Füh-rer der liberalen Partei in den süddeutschen Kammern, um zu beraten, wie dieBewegung zum Wohle der Nation und im Interesse einer freien Verfassung zuleiten sei, und erließen einen Aufruf an das deutsche Volk, worin die Einberu-fung einer Nationalversammlung verlangt wurde. Die größten Erschütterun-gen aber erlitt der österreichische Kaiscrstaat. Ein Aufstand in Wien, herbei-geführt von einigen Studenten und jugendlichen Brauseköpfen und unterstütztvon den untern Volksklassen, hatte einen so überraschenden Erfolg, daß FürstMetternich seine hohe Stelle niederlegte und sich auf einige Zeit nach Englandbegab. Rasch lösten sich hierauf die alten Ordnungen, und ein Zustand der Ge-setzlosigkeit lagerte sich über die Hauptstadt. Die Preßfreiheit erzeugte inkurzem eine revolutionäre Tageslitteratur, das Vereinsrecht wurde zu lär-menden Volksversammlungen'und demokratischen Verbindungen benutzt; diegroße Zahl unbeschäftigter Arbeiter erleichterte die Pläne der ümsturzpartei-L>o kam es, daß durch die Thätigkeit der Demagogen, die aus allen Gegendenin Wien zusammenströmten, ein Ausstand und ein Straßenkampf den anderndrängte. Der Kaiser begab sich mit seiner Umgebung nach Innsbruck undkehrte erst wieder nach der Hauptstadt zurück, als der mittlerweile mit allge-meinem Stimmrecht gewählte, konstituierende Reichstag zusammengetretenwar und durch dringende Botschaften ihn ersuchte, seinen Sitz wieder in Wienzu nehmen. — Wie die Kaiserstadt hatte auch Berlin seine Märztage. Nach7 März. einigem Zögern bewilligte auch die preußische Regierung Preßfreiheit undandere Reformen und stellte eine Umgestaltung der deutschen Bundesverhält-nisse in Aussicht. Da aber schon seit mehreren Tagen feindselige Begegnungenzwischen Militär und Volk stattgefunden, so befriedigten diese Zugeständnissenicht; man verlangte Entfernung der Truppen und Errichtung einer Bürger-wehr. Polen und andere fremde Aufwiegler steigerten die Aufregung und den18. März. Haß durch aufreizende Reden. Die Zusammenrottungen vor dem Schlosstmehrten sich und die Drohungen gegen das Militär wurden immer lauter-Nun rückte eine Abteilung Infanterie aus dem Schlosse, um die sich mehrendenVolkshaufen zurückzudrängen. Es sielen zwei Schüsse, von wem und von wel-cher Seite ist ungewiß. Sie gaben das Signal zu einem heftigen, vierzehnstün-digen Straßenkampf. Am Morgen des 19. März war der Kampf noch niast
Mai
1818.
J»li.