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Neueste Geschichte.
Z. 578.
Sommer
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neren Staatsleben verfolgte sie hochherzige und freisinnige Jdeeen. Die Re-gierung suchte die Herrschaft des Gesetzes allenthalben zur Geltung zu bringen;sie arbeitete an der Unterdrückung des Sklavenhandels; sie entwickelte das See-recht im liberalen Sinn durch den Grundsatz, daß auch in Kriegszeiten die neu-trale Flagge die Ware decke mit Ausnahme von Waffen und Kriegsbedarf; sftöffnete durch Abänderung des Parlamentseides den Juden den Eintritt in diehöchste Reichsversammlung und willigte endlich in eine weitere Wahlreform,durch welche bei der Volksvertretung den veränderten Zeitverhältnissen mehrRechnung getragen ward. Weniger glücklich und erfolgreich war England inseiner äußern Politik. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Regierung ofteinen einseitigen Standpunkt festhielt, daß sie häufig in kleinlichen Zänkereienihren Einfluß verzettelte, daß materielle Vorteile und Handelsinteressen groß'artige politische Anschauungen zurückdrängten, daß nationale Vorurteile nichtselten den Blick trübten. Mit den Vereinsstaaten Nordamerikas nahmen dieVerwickelungen und Streitigkeiten kein Ende und erreichten bisweilen einenGrad der Erbitterung, daß mehrmals der Ausbruch eines Krieges zu erwartenstand. In Ostindien erzeugten die Rücksichtslosigkeiten der herrschenden Eng'länder gegen die religiösen Gebräuche und Vorurteile der Eingeborenen, die Un-gerechtigkeit und Parteilichkeit der Gerichte, die mangelhafte Ausführung ge-schlossener Verträge von feiten britischer Beamten und Militärpersonen eimEmpörung im Heer und einen Nationalkrieg, welcher das angloindische Reichim tiefsten erschütterte und unmenschliche Greuel im Gefolge hatte. In Delhiwurde die Ermordung englischer Einwohner durch die empörten Sipahi nachder Wiedereroberung der Stadt blutig gerächt; für die schwarzen Thaten desVerrats und der entsetzlichen Grausamkeit, womit der indische Fürst NanaSahib in Cawnpore und im ganzen obern Gangesgebiet die gefangenenEuropäer ohne Unterschied des Alters und Geschlechts hinmordete, würdenzahllose Opfer von den Kanonen „weggeblasen". Doch diente die Empörungauch wieder zur Verherrlichung Englands und zur Befestigung seiner Macht-Die Tapferkeit und heldenmütige Haltung der europäischen Heere in Lucknowund andern Orten des aufständischen Landes, die Großthaten des General-Havelock und anderer Feldherren gaben ein glänzendes Zeugnis von ihrer Über-legenheit und kriegerischen .Kraft, und die Unterwerfung des indobritischcNReiches unter die unmittelbare Herrschaft der Königin und ihrer Regierung be-gründete, nachdem der Aufstand unterdrückt war, eine neue Ära in deinöffentlichen Leben Ostindiens. — Die gewissenhafte Treue, womit die KöniginViktoria in England dem parlamentarischen Regimente und der Herrschaftdes Gesetzes freien Lauf ließ, vereinigte Regierung und Volk durch das Barmdes Vertrauens und der Liebe. Nur in Irland regten sich die nationalenGegensätze aufs neue, als die in Amerika entstandene Fenierv erbindungdurch Sendlinge in die alte Heimat die Bewohner des „grünen Eilandes" ANAufstand Wider das herrschende England zu reizen suchte, so daß sich die Re-gierung genötigt sah, durch Aufhebung der Habeascorpusakte (Z. 397) dasKriegsrecht einzuführen. Der Häuptanstifter Stephens wurde verhaftet, ent-kam aber aus dem Kerker von Dublin. Seitdem hielten Verschwörungen,Brandlegungen, mörderische Überfälle das englische Volk in steter Aufregungund riefen zahlreiche Gerichtsverfolgungen und polizeiliche Ausnahmsrnatz-regeln hervor. Diese Vorgänge hatten jedoch auch die Wirkung, daß die uve--rale Partei der Whigs ernstliche Anstrengungen machte, um durch Beseitigungder englischen Staatskirche in dem katholischen Irland den Zehnten für denanglikanischen Klerus wegzuräumen und eine zeitgemäße Reform der Agramgesetzgebung herbeizuführen, wodurch der Härte und Willkür der Gutsherren
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