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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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437
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8- 579.

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Die Westmächte und Rußland.

Schranken gesetzt und die Umwandlung des Pachtguts in Grundeigentum er-möglicht werden sollte. Ein harter Schlag für das Gemüt der Königin warder Tod ihres Ehegemahls, des Prinzen Albert, der stets einen versöhnendenund heilsamen Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten wie am Königshofgeübt hatte. Viktoria fühlte sich durch den herben Verlust so gebrochen undgebeugt, daß sie sich lange Zeit allen Geschäften ihres hohen Amtes entzog undlhr ganzes Interesse auf die Ausarbeitung einesTagebuchs" über den ver-gangenen Aufenthalt in den Hochlanden verwendete; und als vier Jahre nach-her auch des Prinzen Oheim, König Leopold von Belgien, der mit so in-uigen Banden an das englische Herrscherhaus geknüpft war, zu Grabe ging,kmrde ihr Schmerz von neuem geweckt. Auch der Tod des großen Staats-warmes Palmerston, dessen geschickte Hand so oft das Staatsschiff durch izss.'Stürme und schwierige Lagen geführt, und der durch sein freundschaftlichesVerhältnis zu Napoleon besonders geeignet war, das Bündnis zwischen beidenStaaten zu erhalten, war ein schwerer Verlust für das britische Jnselreich.

Einen großen Triumph feierte die englische Nation durch die rasche Beendigungeines Feldzugs nach Äbessinien. Als der tyrannische König Theodoros einigeMissionare und andere englische Staatsangehörige ins Gefängnis warf undalle Verwendung der Londoner Regierung hartnäckig zurückwies, wurde unterder Führung Sir Robert Napiers eine bewaffnete Expedition nach dem rotenMeer abgeschickt, welche nach einem kurzen Krieg der nationalen Ehre und demeuropäischen Völkerrecht volle Genugthuung verschaffte. Bei der Erstürmung^. Apruder Festung Magdäla fand König Theodoros selbst den Tod.

Z. 579. Rußland und die orientalischen Wirren. Das Schicksalfügte es, daß Napoleon sein Kaisertum mit einem Krieg gegen dasselbe Reicheinweihen konnte, dem einst sein Oheim und die große Armee erlegen war,gegen Rußland, und daß, während er als Rächer des napoleomschen Namensauftrat, er zugleich dem französischen Nationalstolz schmeichelte und den reli-giösen Vorurteilen des katholischen Klerus huldigend entgegenkam. Die Re-volution hatte auf ihrem Zuge durch Europa die Grenzen des russischen Reichesnicht berührt ; selbst das polnische Volk hatte sich in stummer Hingebung unterden Herrscherwillen des strengen Gebieters in Petersburg gefügt; Österreichhatte seine Hilfe in Ungarn angerufen; Preußen war von' jeher sein treuerBundesgenosse; die deutschen Fürstenhöfe betrachteten ihn als den starkenSchutzherrn monarchischer Machtherrschaft; die Völker waren niedergeworfenund mutlos, die öffentliche Meinung zum Schweigen gezwungen, die Parteides Rückschritts in Ehren und Ansehen. Bei dieser Lage der Dmge war es er-klärlich, daß Nikolaus,der Selbstherrscher aller Reußen", den Gedanken fassenkonnte, den kühnen Eroberungsgang Katharinas II. zu wiederholen, im Südenseines Reiches eine russische Hegemonie aufzurichten, die Fürstentümer an derDonau in ein engeres Schutz- und Abhängigkeitsverhältnis zu bringen und dieHerrschaft der Osmanen auf Asien zu beschränken. Das türkische Reich warm einem zerrütteten Zustande; der russische Kaiser selbst nannte es in einemvertraulichen Gespräche einenkranken Mann"; ein starker Stoß konnte leichtZum Todesstoß für dasselbe werden. Was den Zar vor allem mit VertrauenErfüllte, war der große Zwiespalt zwischen der mohammedanischen und christ-«chen Bevölkerung im türkischen Reiche und die Ergebenheit der Bekenner desgriechischen Glaubens, die ihn als ihren Schirmherrn verehrten. Zwar hatteM die türkische Regierung gegen die christlichen Unterthanen keiner Be-drückungen schuldig gemacht; Christen aller Konfessionen durften ungestörtrhres Glaubens leben, wenn sie nur die Kopfsteuer entrichteten; in den Län-dern und Städten südwärts der Donau bildeten die Christen die Mehrzahl