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Neueste Geschichte. 8- 580.
der Bewohner; in Konstantinopel und in andern Städten wohnten sie in be-sondern Quartieren: aber das schwache Regiment des Großsultans war nichtimmer vermögend, dem Fanatismus der Mohammedaner in den entlegenerenProvinzen Einhalt zu thun; die Christen wurden manchmal überfallen, be-raubt, mißhandelt, getötet. Nun bestanden alte Verträge, die dem russischenKaiser ein gewisses Schutzrecht über die Christen griechischen Bekenntnisseseinräumten, und Nikolaus, seiner Kirche eifrig zugethan und ihre Verbreitungals seine heiligste Regentenpsticht erachtend, ließ keine Gelegenheit vorüber-gehen, sich in die religiösen Streitigkeiten des türkischen Reiches einzumischen-Russische Agenten und Parteigänger suchten die Schutz- und Glaubensgenossenimmer enger an die nordische Großmacht zu fesseln, und in Konstantinopclführte der russische Botschafter eine Sprache, als ob der Zar der rechtmäßigeund anerkannte Protektor der griechischen Christenheit des Orients wäre-Durch diesen mächtigen Schutz erlangten die Christen griechischer Konfessionnicht nur eine gesichertere Stellung gegenüber den Moslemen; sie betrachtetensich auch als die allein berechtigten Besitzer der heiligen Pilgerstätten in Pa-lästina, insonderheit des heiligen Grabes in Jerusalem, und wollten die Wall-fahrer römisch - katholischen Glaubens von den geweihten Orten ausschließenoder doch nur unter Bedingungen zulassen, die sie nicht als Gleichberechtigteerscheinen ließen. Oft war die heilige Grabkapelle der Schauplatz blutigerHändel zwischen den Bekennern der morgenländischen und abendländischenKirche. Nun besaß Frankreich ein ähnliches Schutzrecht über die römisch-katho-lischen Glaubensgenossen Palästinas, wie Rußland über die griechischen. Daaber die Zahl der griechischen Pilger viel größer war und die französische Re-gierung und Nation sich nur selten in der Lage und Stimmung befand, sichum die pilgernden Mönche im heiligen Lande zu kümmern, so hatten die grie-chischen Glaubensgenossen durch die mächtige Hilfe und Fürsprache Rußlandswie durch die Schwäche der Pforte die Oberhand erlangt. Dieses thatsächlicheVerhältnis suchte nunmehr Nikolaus zu einem rechtlichen und gesetzlichen znerheben, um als Protektor aller Christen im Türkenreich auftreten und jeder-zeit sich in die innern Angelegenheiten desselben einmischen zu können. Einesolche Stellung, welche dem Sultan die Herrschaft über seine christlichen Unter-thanen entzogen und ihn auch in den Augen der Mohammedaner herabgewür-digt haben würde, wäre der erste Schritt zur Auflösung des Osmane'nreichsgewesen.
ß. 580. Die Vorgänge an der Donau und in der Ostsee. Es blievkein Geheimnis, daß die Schirmvogtei über die morgenländische Christenheitnur die Hülle politischer Entwürfe sei, daß hinter dem zur Schau getragenenreligiösen und kirchlichen Interesse gewaltige Eroberungspläne verborgen lagernFrankreich und England beschlossen daher, dem Vorhaben Rußlands, wodurchdas europäische Gleichgewicht bedroht war, entgegen zu treten und die Türkerin ihrem Bestand zu erhalten. Der Zar hoffte die Pforte durch barsches Auf-treten einzuschüchtern und zum Nachgeben zu bringen. Sein Admiral, FürstMenschikow, reiste als außerordentlicher Gesandter nach Konstantinopel.Nachdem er in Sebastopol die russische Flotte und das Landheer gemustert, er-schien er in der Hauptstadt am Bosporus. Wie die öffentlichen Blätter be-richteten, forderte er bei dem Sultan selbst eine Audienz und trat, als diesebewilligt wurde, im Reisekleid (Paletot) und mit bestaubten Stiefeln in dasPrunkgemach, wo der Herrscher und seine Hofleute im Festkleide versammeltWaren. Diesem Auftreten entsprachen seine Forderungen. Er verlangte fürseinen Gebieter das Protektorat über alle griechischen Christen, ein Verlangen,dessen Gewährung den russischen Herrscher zum Mitregenten des Sultans in