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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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Die Westmächte und Rußland.

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Olt.

allen inneren Angelegenheiten gemacht hätte. Als seine Forderung zurück-gewiesen wurde, verließ Menschikow mit Drohungen die türkische Hauptstadt.

^rei Wochen nachher legte sich die englisch-französische Kriegsflotte am Ein-gang der Dardanellen vor Anker, um den Weitern Gang der Dinge zu be-obachten. Gereizt über die Weigerung der Pforte, wie über die drohende Hal- , »tung der Westmächte, gab Nikolaus dem Fürsten Michael Gortschakow Be- ---'M, mit zwei Heerabteilungen den Pruth zu überschreiten und die Donau-mrstentümer alsmaterielles Unterpfand" m Besitz zu nehmen, bis die türkischeRegierung seine Forderungen befriedigt haben würde. Um die christliche Be-völkerung zu gewinnen, verkündete ein kaiserliches Manifest, daß das kriegerischeErgehen der Verteidigung des heiligen orthodoxen Glaubens gelte. Der Er-oberungskrieg sollte als Religionskrieg erscheinen. Diese heuchlerische Maskezerriß Sultan Abdul Medschid durch einen Ferman, worin er allen Christenstures Reichs ihre Rechte feierlich bestätigte. Unter solchen Umständen war derKampf unvermeidlich. Am 4. Okt. erklärte die Pforte an Rußland den Krieg,stenrr nicht sofort die Donaufürstentümer geräumt würden. Zugleich besetzteAm er Pascha mit einem türkischen Heere das Südufer des Stromes. DieRussen gaben bald deutlich zu erkennen, daß sie die Entscheidung der Waffenwünschten. Wenn auch Nikolaus aus Rücksicht für Österreich und Preußenstin Landheer vom Überschreiten der Donau zurückhielt, so überfiel dagegenAdmiral Nachimow mit der russischen Flotte das türkische Geschwader imHafen von Sinöpe und trug durch seine Übermacht den Sieg davon. Fastolle Schiffe wurden zerstört, die Mannschaft im tapfersten Kampfe getötet odergefangen. Ergrimmt über diesen unter den Augen der französisch - englischenMotte vollführten Überfall, erklärten nunmehr die Westmächte, als Verbündeteber Türkei, den Russen den Krieg. Nun nahm der Waffengang, der bisher nurM einigen wenig entscheidenden Gefechten an den Ufern der Donau bestanden,Kößere Dimensionen an. Der greise Fürst Paskiewitsch, der berühmtesteMdherr des Jahrhunderts, erhielt den Oberbefehl und führte die russischenHeere über den Strom unter die Mauern von Silistria, indes englische Land-truppen unter Lord Raglan, dem Freunde und Waffengefährten Wellingtons,und ein französisches Heer unter dem Marschall St. Ärnaud zu Schiffe anoen Dardanellen erschienen und nach einer Beschießung der russischen Handels-stadt Odessa bei Varna landeten. Zugleich besuhr ein englisches Geschwader-Unter dem alten Admiral Charles Napier die Ostsee, um Kronstadt undPetersburg mit einer Belagerung zu schrecken. Die Erfolge entsprachen nir-gends den großen Anstrengungen und den bedeutenden Verlusten. Die gegenble Festung Silistria unternommenen Stürme der Russen wurden zurück-

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August

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uffizier Grach, durch dessen Geschicklichkeit die Festung so erfolgreich verteidigtworden war, sanken bald ins Grab. Nicht minder empfindlich waren die Ver-luste der Verbündeten. Bei einem übereilten Versuch der Franzosen, von VarnaAus in die Dobrudscha vorzurücken, wurden 2000 Menschen durch Hitze undAnstrengung und durch die Cholera dahingerafft; auch im Lager zu VarnaMiete diese schreckliche Krankheit große Verheerungen an. Dazu kam noch einBrand, der die Stadt in Asche legte, und bei der Schwierigkeit der Verpflegunggroßer Mangel an Lebensmitteln. Ebenso geringe Erfolge hatte die Expedi-non in der Ostsee. Die Eroberung der kleinen Festung Bomarsund auf denAalandsinseln, die Wegnahme einiger Handelsfahrzeuge, die Verwüstungeiniger Küstenorte und Holzlager in Finnland waren die einzigen Trophäen.