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Neueste Geschichte.
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Schlag kam doch nicht so unerwartet, daß nicht manche vorher hätten ent-fliehen können. Der Schrecken und Jammer, der sich nun über das ganze Landverbreitete, vermehrte die Zahl der Flüchtigen und Ausreißer. Jetzt hielten dieHäupter der revolutionären Partei den Zeitpunkt für geeignet, zum offenenWiderstand überzugehen. Sie sammelten die Flüchtlinge'und alle Teilnehmerder patriotischen Verbrüderungen in Wäldern und abgelegenen Orten und or-ganisierten, indem sie sich als provisorische Nationalregierung konstituier-ten, einen Volkskrieg gegen die Russen. In Banden vereinigt, überfielen diePolen unter der Führung heimgekehrter Emigranten die feindlichen Truppenan verschiedenen Orten. Um die Landbevölkerung für die nationale Sache zugewinnen und die Zahl der Streiter zu mehren, erließ „das Central-KonnWals provisorische Nationalregierung" eine Proklamation, worin den Bauerndas erbliche Eigentumsrecht der von ihnen bisher besessenen Grundstücke samtWirtschaftsgebäuden zugesichert ward. So war denn abermals die Losung zuMKampf zwischen Polen und Russen gegeben; und wie sehr auch die europäischenVölker durch eigene Anliegen beschäftigt waren, so richteten sich doch bald allerBlicke nach dem Weichsellande, für dessen unglückliche Geschicke sich so oft dieöffentliche Teilnahme geregt hatte. In England und Frankreich lebten die altenShmpathieen für das gedrückte und mißhandelte Volk mit frischer Stärke aus;und die öffentliche Meinung erklärte sich an der Seine und Themse so laut zugunsten einer Nation, die ihre letzten Kräfte zu einem Riesenkampfe Wider denmächtigen Nachbar zusammenraffte, daß auch die Regierungen nicht umhinkonnten, sich für das schwache Polen zu verwenden, insbesondere da die beidenanderen Teilungsmächte, für ihre eigenen polnischen Länder besorgt, kriegerisch^Vorkehrungen auf den Grenzgebieten trafen, und Preußen eine geheime Kon-vention zur Unterdrückung der polnischen Insurrektion mit Rußland ab-schloß. Die europäische Diplomatie entfaltete aufs neue ihre Thätigkeit zngunsten Polens. Doch war man entschlossen, nicht über einen Notenkrieg hin-auszugehen, nicht zu einer bewaffneten Intervention zu schreiten. Unterdessengewannen die russischen Waffen bald die Oberhand. Der Aufruf der „Natio-nalregierung" an die Bauernschaften hatte keinen Erfolg gehabt; diese setztenin die Zusagen der russischen Regierung mehr Vertrauen als in die Verheißun-gen ihrer Landsleute. Statt eines Nationalheeres konnten daher die Insur-genten nur einige Kriegshaufen ausbringen, die den Russen im offenen Feldenicht zu widerstehen vermochten. Dazu kam noch das alte Grundübel: Had^und Parteisucht. Jede Schar stand unter einem besondern Führer, der aNseigene Hand vorging. General Mieroslawski, der bekannte Abenteurer derRevolutionsjahre 1848 und 1849, war im Februar in seinem Vaterlande ein-getroffen und von der Nationalregierung zum Diktator ernannt worden; abervon den Russen geschlagen, flüchtete er sich über die preußische Grenze undlähmte dann durch Schriftstücke voll Verdächtigungen die Unternehmungenseiner Landsleute. Rühmlicher war das Auftreten des aus dem Posenschestammenden Jnsurgentenführers Langiewicz. Nachdem er im Sandomirscheneinige erfolgreiche Gefechte gegen die Feinde bestanden, erklärte er sich eigen-mächtig, aber mit nachträglicher Bestätigung der geheimen Nationalregierung-zum Diktator. Allein auch sein Glück war von kurzer Dauer. Durch innereZerwürfnisse unter seinen Scharen geschwächt, sah er sich genötigt, vor denIS, März überlegenen Streitkräften der Russen auf österreichisches Gebiet zu flüchten, wder erkannt und unter Aufsicht gestellt ward, bis er später die Erlaubnis zmAuswanderung nach der Schweiz erhielt. Aber wenn es der Nationalregierung'die jetzt Wieder die Zügel ergriff, auch nicht gelang, eine ansehnliche Truppe-macht ins Feld zu stellen, so war sie doch imstande, noch lange das gaNZ
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