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Die Westmächte und Rußland.
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Königreich durch einen weit verzweigten Bandenkrieg in Unsicherheit zu haltenMd, unterstützt von dem Adel, von den Einwohnern der Städte und von derGeistlichkeit, den Terrorismus auf die Spitze zu treiben. Die geheime Natio-
ewe Kraft, eine Organisation, welche die Welt in Erstaunen setzte. Sie erließgedruckte Verordnungen und Gesetze) sie ordnete durch das ganze Land ihreigenes Steuerwesen und untersagte jede Steuerzahlung an die russischen Be-hörden ; sie errichtete in Warschau und in den Provinzialstädten Fehmgerichteoder Revolutionstribunale. So standen zwei Regierungen einander feindlichgegenüber; die eine stützte sich auf die offene Gewalt, die andere auf die Machtdes Terrorismus. Wie konnte aber die polnische Insurrektion, der eine strengeGrenzwache auf preußischem und österreichischem Gebiet jede Zufuhr an Waffen,Krregsbedarf und Mannschaft abschnitt und die ländliche Bevölkerung jedeUnterstützung versagte, auf die Dauer einer Macht widerstehen, welche dieHauptstadt und das ganze Land in Belagerungszustand setzte und immer neueHeere einrücken ließ?
Z 589. Unterdrückung des Aufstandes. Unter solchen Umständenwar der Ausgang des Kampfes mit Sicherheit vorauszusehen. Schon im Juliwar die Petersburger Regierung ihres Sieges so gewiß, daß sie jede fremdeEinmischung ablehnte und den von Frankreich und England vorgeschlagenenWaffenstillstand zur Abhaltung von Konferenzen als mit der Würde des Kai-Wrs unverträglich zurückwies. Wielopolski wurde seiner Stelle enthoben undGeneral v. Berg, ein energischer Mann von militärischer Strenge, trat an diespitze der Regierung in Warschau. Vergebens machte noch Kaiser Napoleon
Versuch, einen europäischen Kongreß ins Leben zu rufen, auf dem alleStreitigkeiten durch ein höchstes Schiedsgericht ausgeglichen und ein neuerZustand der Dinge geschaffen werden sollte; der Vorschlag kam nicht zur Aus-führung, und Rußland konnte ungehindert in der Unterdrückung der polni-schen Insurrektion fortschreiten. Bald war der Widerstand gebrochen, dieThätigkeit der Nationalregierung unterdrückt, die Stimme der Patrioten ver-stummt, und es konnte wieder wie ehedem verkündet werden: „Die Ruhe herrschtWWarschau!" Seitdem war die kaiserliche Regierung bemüht, den polnischenAanernstand durch Verleihung des Eigentumsrechts auf die bisher im Zins oderErbpacht besessenen Grundstücke fester an Rußland zu knüpfen, den Adel da-Nm zu schwächen und Land und Volk durch Beschränkung der polnischenspräche, durch Unterdrückung der nationalen Eigentümlichkeiten und durchVerpflanzung der alten Geschlechter nach anderen Gegenden in das große Za-^nrerch einzufügen. Zugleich wurde durch einen kaiserlichen Ukas, welcher das 26 , N»».polnische Kirchenvermögen unter die Verwaltung des Staates stellte und dieGeistlichkeit auf feste Besoldungen anwies, die Unabhängigkeit der katholischen'Iu'che ^ Königreich gebrochen und der polnische Klerus ins Herz getroffen.
7 -Ne Einsprache des Papstes hatte den Abbruch aller diplomatischen Verbin-dungen zwischen St- Petersburg und Rom zur Folge. ^ Der polnische Ausstand
Novbr.
I88S.
1885.
h?ben auf die Reformthätigkeit Alexanders einen nachteiligen Einfluß geübt,seitdem find in der Presse, im Vereinswesen, im geistigen Leben manche Be-schränkungen eingetreten, und das zweite Attentat, das der junge Pole Bere-öowski während des Kaisers Anwesenheit in Paris gegen dessen Leben unter-nahm, war nicht geeignet, eine versöhnlichere Gesinnung zu erwecken.
18. April188«.
Juni
1887.