Buch 
Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
Entstehung
Seite
531
JPEG-Download
 

8- 637. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 531

der preußischen Monarchie die katholische Kirche auf ihrem Gebiete unbeschränktschalten und walten konnte, daß der Klerus von den Gesetzen des Staats und vonder Autorität der Regierung sich in höherem Grade befreite als in den katholischenStaaten, daß über ganz Norddeutschland bis nach Berlin hinein eine Menge vonKlöstern, Orden, Kongregationen sich bildete, vermehrte und in voller Freiheit undSelbständigkeit entwickelte. DieserStaat im Staate", diese hierarchische Priester-Macht, welche den Staatsgesetzen nur insoweit Folge leistete, als sie den höheren Ge-boten der Kirche sich ein- und unterordnen ließen, den Eid der Treue und des Ge-horsams gegen jede weltliche Obrigkeit nur mit Vorbehalt und bedingungsweise leistenwollte und sich in jedem kritischen Falle hinter den Spruch flüchtete:Man müsseGott mehr gehorchen als den Menschen"; dieses fremdartige Element konnte in demparitätischen Reich nicht geduldet werden, sollte nicht der Keim der Zersetzung undAuflösung in die neue Schöpfung gepflanzt werden: die Kirchenbeamten dursten sowenig wie die Staatsbeamten den Gehorsam gegen Gesetz und Obrigkeit an Be-dingungen knüpfen, den Treueid gegen den Kaiser und jeden weltlichen Souverän demgeistlichen Eide nachsetzen, der sie an ein fremdes Oberhaupt band. Dazu kam noch,daß der päpstliche Hof und die gesamte Hierarchie Partei nahm für die beiden katho-lischen Mächte, welche dem preußisch-deutschen Schwerte erlegm waren, daß dieultramontanen Preßorgane, die aller Orten und Enden aufschössen, für alle Gegnerdes Reichs eintraten und die Flamme des Haffes gegen Preußen und Deutschland zueinemKrieg der Rache" schürten. Der Reichsregierung war somit die Waffe derNotwehr in die Hand gezwungen, und da der Kampfpreis die Erhaltung aller derGüter war, welche die Seele des modernen Staats ausmachen, der Freiheit derWissenschaft, der Lehre, des geistigen Lebens, so gestaltete sich der Kampf zu einemwahrenKulturkampf". Es handelte sich um das hohe Prinzip, ob die Anschauungenund Wahrheiten, welche der forschende Geist und die Wissenschaft seit Jahrhundertenerrungen haben, Geltung und Bestand behalten, oder ob wie im Mittelalter die ganzeWelt des Glaubens und Wissens der Autorität der Kirche unterworfen sein sollte.

Und bei diesem Kampfe hatte das Reich auch zugleich das formale Recht auf seinerSeite; denn die durch das vatikanische Konzil veränderte Kirche war nicht mehr die-selbe, mit welcher vordem die Regierungen ihre Verträge und Konkordate geschlossen.

Sollte der moderne Staat nicht in der Verfolgung seiner ethischen Zwecke sich stetsgehindert sehen, so mußten die Grenzen zwischen Staat und Kirche genauer bestimmtund jeder der beiden Mächte das ihr zuständige Gebiet zugewiesen werden. Und indiesem Streben ging das Königreich Preußen mit dem deutschen Reich Hand in Hand.Nachdem durch den Rücktritt des reaktionären Kultusministers v. Mühler der Weg Afnuarsür zeitgemäße Reformen geöffnet worden und in dem Minister Adalbert Falk einenergischer, kühner und zielbewußter Staatsmann für das große Werk der Ausein-andersetzung zwischen Staat und Kirche gefunden war, wurde nach heftigem Wider-stände seitens der Ultramontanen und Reaktionäre ein Schulaufsichtsgesetz vomw-F°br.Abgeordnetenhause angenommen, welches das Schul- und Unterrichtswesen demStaate vollständig zuwies, die bisherige Abhängigkeit der Volksschule von der Kirchebeseitigte, dabei jedoch ihre Beihülfe und Mitwirkung für den Religionsunterrichtund für die ganze sittliche Erziehung der Jugend in Anspruch nahm und gesetzlichordnete. Auch im Herrenhause stieß die Gesetzesvorlage auf den geschlossenen Wider-stand der Ultramontanen, denen alle Rückschrittsmänner, die kirchlichen und politischenFanatiker beider Konfessionen, feudale Junker und orthodoxe Hochkirchliche zur Seitestanden. Es bedurfte der ganzen persönlichen Energie der Minister Bismarck undFalk, um auch hier das Schulgesetz zur Annahme zu bringen. Bald darauf versuchteMan in Berlin, den Vatikan durch einen Schritt des Entgegenkommens zu einer ver-söhnlicheren Haltung zu bewegen. Als nämlich durch die Versetzung des bisherigenGesandten Arnim nach Paris die Stelle eines Vertreters bei dem päpstlichen Stuhl

34 *