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Geschichtliche Rundschau.
in Erledigung kam, beschloß man einen hochgestellten Kleriker, der sich in früherer Zeitder Gunst des heiligen Vaters zu erfreuen gehabt, der bei dem Konzil mitgewirkthatte und erst nach Beendigung desselben nach Deutschland zurückgekehrt war, denKardinal Hohenlohe, als Vertreter des Kaisers und Reichs nach Rom zu senden.Allein kaum wurde diese Absicht im Vatikan bekannt, so erfolgte eine Zurückweisung.Hohenlohe teilte nicht die Ansichten der Jesuitenpartei; die Haltung seines Bruders,des Fürsten Chlodwig von Hohenlohe, als Präsident des bayerischen Ministeriumswarf in den Augen der papistischen Hochkirchenmänner einen Schatten auf das ganzeGeschlecht; daß sich der Kardinal vom Vatikan längere Zeit fern gehalten und auchunter dem Purpur seine deutsch-nationale Gesinnung bewahrte, wurde ihm nicht ver-ziehen. Der Papst weigerte sich daher, Hohenlohe als Botschafter in Rom zu em-pfangen, eine persönliche Beleidigung gegen den Kaiser. Schon damals wurde derAntrag gestellt, die Ausgabe für das Vertreteramt bei dem Papste im Budget zustreichen, da die Kurie damit ihre Kriegserklärung abgegeben; allein Fürst Bismarck,der die Brücke einer Verständigung nicht vollständig hinter sich abbrechen wollte, ver-hinderte den Beschluß und empfahl den Weg der Gesetzgebung als das ratsamsteMittel zur Beseitigung des Konfliktes zwischen Staat und Kirche. Bei dieser Ge-legenheit war es, daß er den denkwürdigen Ausspruch that: „Nach Canossa gehenwir nicht, weder in kirchlicher noch in politischer Beziehung". Um dieselbe ZeitM» er die berühmte Cirkulardepesche über die Haltung, welche den Regierungen bei
einer künftigen Papstwahl infolge der veränderten Stellung des Pontisikats durch dasvatikanische Konzil geboten sein dürfte. Da zufolge der neuen Kirchenpolitik dieLandesbischöfe aller Selbständigkeit beraubt, nur noch päpstliche Beamte ohne eigeneVerantwortlichkeit seien, so hätten die Regierungen ein wohlbegründetes Recht, sichum die künftige Papstwahl zu kümmern und Stellung zu derselben zu nehmen. Alsdiese „Stoß ins Herz-Depesche" in der Folge in die Öffentlichkeit drang, gab derdeutsche Episkopat eine Gesamterklärung gegen die Darlegung des Reichskanzlers ab(Januar 1875), welche jedoch die Auffassung Bismarcks nicht zu widerlegen ver-mochte. — Der ganze aufgeklärte Teil der Nation geriet über die feindselige Hal-tung der Jesuitenpartei in Aufwallung; von allen Seiten ergingen Petitionen an denReichstag, daß man gegen diesen Kern und Generalstab der „streitenden Kirche",welcher seit den Tagen seiner Gründung das friedliche Zusammenleben der Konfes-sionen zu stören beflissen sei, durch die Gesetzgebung einschreite. Und so kam denn4 . Fuu. nach vielen aufregenden Verhandlungen ein Gesetz zustande, kraft dessen alle Jesuiten-niederlassungen bis zum Ablauf des Jahres geschlossen und aufgehoben und derThätigkeit des Ordens in jeder Form und Gestalt innerhalb des deutschen Reichs einEnde gemacht werden sollte. Binnen Jahresfrist waren die zahlreichen Nieder-lassungen des Ordens innerhalb des ganzen Gebiets des deutschen Reichs aufgehobenund die Glieder desselben genötigt, außerhalb Deutschland ein neues Feld ihrerThätigkeit zu suchen.
8- 638. Kreisordnung. Pairsschub. Auch auf andern Gebieten desStaatslebens stieß die preußische Regierung in ihren Reformbestrebungen auf Wider-stand. Um die sechs östlichen Provinzen der Monarchie, wo noch viele Reste derFeudalzeit fortbestanden und der grundherrliche Landadel noch eine privilegiertepatriarchalische Ausnahmestellung besaß, mit den westlichen Landesteilen und denübrigen deutschen Bundesstaaten mehr in Übereinstimmung zu bringen, arbeitete dieRegierung den Entwurf einer neuen Kreisordnung aus, welche als Vervollständigungder Reformen des Freiherr» vom Stein (§. 522) die freie Bewegung der kommunalenVerbände fördern, das Volk zur Beteiligung an der Verwaltung heranziehen und dieWillkür der Beamten durch gesetzliche Vorschriften beschränken sollte. Diese neueKreisordnung, welche die Grundlage einer künftigen gleichmäßigen Organisation derI 87 L Provinzen bilden sollte, wurde vom Hause der Abgeordneten mit großer Mehrzahl