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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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Z. 639 b.

Geschichtliche Rundschau.

Köln, die Bischöfe von Paderborn, Trier, Münster wurden von solchen Strafen be-troffen. Die hohen Gefangenen wurden in Gewahrsam gebracht. Da aber die Ver-haftung den Gesetzen gemäß nur von kürzerer Dauer sein konnte, so mußte der Staatzur Erhaltung seines Ansehens andere Strafmittel in Aussicht nehmen. Durch dieAufstellung eines obersten königlichen Gerichtshofes für kirchliche Angelegenheiten wardie Regierung instand gesetzt, gegen geistliche Würdenträger, welche den Staats-gesetzen beharrlichen Widerstand leisteten, die Amtsentsetzung auszusprechen. Dieseshöchste Strafurteil wurde denn auch gegen die beiden Erzbischöfe und die andern un-1874 . gehorsamen Prälaten in Anwendung gebracht und zugleich für die Verwaltung deskirchlichen Vermögens und für die Administrationsgeschäfte durch Aufstellung welt-licher Beamten gesorgt. Künftige Bischöfe sollten von der Regierung nur anerkanntund in ihre Gehaltsbezüge eingesetzt werden, wenn sie zuvor einen Huldigungseidgeschworen, daß sie die Gesetze des Staats gewissenhaft beobachten und ihre Geistlichenund Gemeinden anhalten wollten, die Gesinnungen der Ehrfurcht und Treue gegenden König, die Liebe zum Vaterland und den Gehorsam gegen die Gesetze zu hegenund zu pflegen. Der erste, der diesen neuen Eid der Treue in die Hände des Kultus-ministers ablegte, war Joseph Hubert Reinkens, Professor der Theologie in Breslau,der vom Kaiser als Bischof für die dem Unsehlbarkeitsdogma und der päpstlichen All-gewalt widerstrebenden Katholiken des deutschen Reichs anerkannt und in Rotterdamdurch den jansenistischen Bischof Hermann Heykamp von Deventer geweiht worden war.

8-639b.Der Kulturkampf" aufderHöhe. Aus allen diesen Handlungenging die volle Übereinstimmung des Kaisers und seiner Minister hervor. Dennochhatten die Ultramontanen den Glauben zu verbreiten gesucht, daß der Monarch andersgesinnt sei als seine Regierung. Dieser Ansicht gab auch der Papst Ausdruck in demmerkwürdigen Brief an Kaiser Wilhelm. Er sei überzeugt, schrieb der heilige Vater,daß Se. Maj. die von der Regierung ergriffenen strengen Maßregeln, welche auf dieVernichtung des Katholizismus abzielten, nicht billige; wenn aber dem so sei, so mögeer doch bedenken, daß diese Maßregeln keine anderen Wirkungen haben könnten, alss. S-pt. den eigenen Thron zu untergraben. Auf diesen Brief antwortete Wilhelm I.:Derheilige Vater sei über deutsche Verhältnisse falsch berichtet, wenn er der Vermutung.Raum gebe, daß die Regierung Bahnen einschlüge, welche der Kaiser nicht billige.Nach der Verfassung könne ein solcher Fall gar nicht eintreten, da alle Gesetze undRegierungsmaßregeln der landesherrlichen Zustimmung bedürften. Die Aufgabe desKaisers sei es, in den Staaten, deren Regierung ihm von Gott anvertraut sei, deninneren Frieden zu schützen und das Ansehen der Gesetze zu wahren. Zu seinemBedauern hätten viele katholische Geistliche das Gebot des Gehorsams gegen dieweltliche Obrigkeit verletzt und dadurch die kaiserliche Regierung in die Notwendigkeitgesetzt, die Befolgung der Landesgesetze durch weltliche Mittel zu erzwingen. Aberdie Religion Jesu Christi und die Wahrheit, zu welcher auch er sich rückhaltlos be-kenne, hätten mit diesen Umtrieben nichts zu thun. Übrigens könne er die Äußerung,daß jeder Getaufte dem Papste angehöre, nicht ohne Widerspruch übergehen. Derevangelische Glaube, zu welchem er sich gleich seinen Vorfahren und mit der Mehrheitseiner Unterthanen bekenne, gestatte ihm nicht, in dem Verhältnis zu Gott einenandern Vermittler als unsern Herrn Jesum Christum anzunehmen." Am Tag zuvorwar in Berlin und in dem größten Teil von Deutschland der Jahrestag der Schlachtvon Sedan gefeiert worden. Diese königlicheThat in Worten" war ein würdigerSchluß des Festes; die mannhafte Antwort fuhr wie ein Wetterstrahl in die Seelen^ 873 * der Menschen. Bald nachher fanden die neuen Wahlen für das preußische Abge-ordnetenhaus statt. Die Ultramontanen strengten alle Kräfte an, Männer von ihrerGesinnung durchzusetzen; die Bischöfe forderten in Hirtenbriefen die Gläubigen zureifrigen Teilnahme an der Wahl aus. Diesen Anstrengungen war es zu verdanken,daß die Centrumsfraktion einen nicht unbeträchtlichen Zuwachs erhielt. Dennoch blieb