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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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Z. 645.

Geschichtliche Rundschau.

selbst könnten die slavischen Elemente über den Kopf wachsen, den Kaiserstaat zu einemBündnis mit den Osmanen und zu einem Krieg gegen Rußland zu drängen sich be-mühten, während man in Prag und Agram für ein Zusammengehen mit dem Zaren-reich wirkte. Zwischen diesen beiden Sturmfluten führte Andrafsy besonnen und vor-sichtig das bedrohte Staatsschiff hindurch. Seine Absicht war, nicht Rußland alleinMeister in den Balkanländern werden zu lassen, dem österreichischen Staat die Frei-heit der Donauschifffahrt und den kommerziellen Verkehr mit den Hinterländern seinerlanggestreckten Küsten an der Adria zu erhalten und seine Grenzlande gegen pansla-vistische Umtriebe sicher zu stellen. In den auswärtigen Angelegenheiten suchte daherdas Wiener Kabinett mit Deutschland im Einverständnis zu bleiben. Auch als An-ON. wis.drassy sein Amt niederlegte, wurde der Grundzug seiner Politik aufrecht erhalten.

Die neuen Leiter der auswärtigen Politik, Baron Haymerle und nach dessen bal-cm. IM.digem Tod Graf Kalnoky, wandelten im ganzen in den Fußstapfen Andrafsys.Im Februar 1879 legte das Ministerium Auersperg nach siebenjähriger Thätigkeitsein Amt nieder, worauf Graf Taaffe nach einem kurzen Provisorium an die SpitzeAug. i87s. eines Kabinetts trat, welches sich anfangs als „Versöhnungsministerium" ausgabund sowohl verfassungstreue als feudal-slavische Mitglieder zählte, bald aber sich zuimmer weiteren Zugeständnissen an die föderalistisch-klerikale Partei, zu immer stär-kerer Abwendung von der deutsch-liberalen Sache, zu immer größerem Entgegenkom-men an die nationalen Ansprüche, namentlich der Czechen, fortreißen ließ. DieOn. 1888 .reaktionär-föderalistische Ära Hohenwart drohte wiederzukehren. Durch Eintritt desGrafen Schönborn als Justizminister wurde die czechisch-klerikale Richtung der Re-gierung noch verstärkt. Die Folge der Abwendung vom Deutschtum war ein immeranspruchsvolleres Hervortreten der Slaven und Magyaren, wie es sich namentlich inder Unterdrückung der deutschen Sprache und Schule zeigte. Die Sprachverordnungfür Böhmen und Mähren entzog der deutschen Sprache den Charakter als Amts-sprache; die uralte deutsche Universität Prag wurde einer czechisch-deutschen Zwei-teilung unterzogen. Die Vergewaltigungen des Deutschtums in Böhmen wurdenwomöglich noch überboten von dem nationalen Fanatismus der Magyaren in Ungarngegen die deutsche Sprache und Schule. Die trefflichen Volksschulen und Gymnasiender Deutschen in Ungarn und Siebenbürgen wurden durch den nationalen Haß derMagyaren nut Vernichtung bedroht, so namentlich in dem neuen Mittelschulgesetz,so. Ja,,, welches einen Sturm der Entrüstung auch in Deutschland erregte. Ein schwerer SchlagiM. für das Kaiserhaus und das ganze österreichische Volk war der plötzliche Tod des Kron-prinzen Rudolf, des einzigen Sohnes des Kaisers, eines feingebildeten, hochbegabtenund volksbeliebten Fürsten. Er hatte in einem Anfall von Seelenstörung und Schwer-mut Hand an sich selbst gelegt.

8. 645. Rußlands innere Reformen und derKriegszug gegen Chiwa.War dereinst Kaiser Nikolaus bestrebt, durch aggressive Politik dem Zarenreich eineArt Vorherrschaft in Europa zu verschaffen, so suchte Kaiser Alexander II. durch groß-artige Reformen im Innern Rußland auf die Höhe der andern civilisierten Völker zuheben und dadurch sein unermeßliches Reich dem übrigen Europa zu nähern undgleichsam einzufügen. Während die Befreiung der Leibeigenen ihren Fortgang hatteund die durch die große Veränderung der socialen und agrarischen Verhältnisse not-wendig gewordenen gesetzgeberischen Arbeiten weiter geführt wurden, legte man zu-gleich Hand an eine durchgreifende Militärreform, welche die allgemeine Wehrpflichtmit fünfzehnjähriger Dienstzeit und die Aufhebung der Stellvertretung in einer fürRußland passenden Form und Ausdehnung begründen und die Intelligenz bei derArmee erhöhen sollte. Man vermehrte und vervollständigte die Eisenbahnen zuwirtschaftlichen und militärischen Zwecken; man nahm eine Umgestaltung des Steuer-wesens in Angriff, durch welche die Steuerfreiheit der Bevorrechteten aufgehoben undeine größere Ausgleichung unter den Ständen bewirkt werden möchte; man wendeteder Verbesserung des Gerichtswesens und des Rechtslebens, der Hebung des Handels,