646. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 555
^r Industrie, der Volksaufklärung und dem gesamten Unterrichtswesen große Sorg-falt zu. Von Kaiser Alexander II. ging auch die philanthropische Idee aus, die zer-störenden Wirkungen des Kriegs, die Leiden und Drangsale der Menschheit im mär-kischen Kampfe der Staaten durch internationale Satzungen zu vermindern, zu wel-sch Zwecke im August und September 1874 ein Kongreß von Staatsmännern undMlitärbevollmächtigten in Brüssel die Grundlinien eines europäischen Völkerrechtsfn Kriegsfällen festsetzte. — Während Rußland nach Westen hin eine Politik desIsiedens verfolgte, hielt es zugleich den Blick unverwandt nach dem Orient gerichtet.
Ane wichtige Vergrößerung seines Gebiets erlangte das russische Reich im fernenOsten, als es die Eroberung des Khanats von Chiwa, der letzten noch unabhängigenMacht von Turkestan, unternahm. Bei Gelegenheit eines Grenzgefechtes hatte derKhan des im Oxusgebiet südwärts des Aralsees gelegenen Reichs Chiwa einigerussische Unterthanen zu Gefangenen gemacht und die Herausgabe verweigert. Dieserklärte Rußland für einen Kriegsfall. Durch Unterwerfung des Fürsten unter dieOberhoheit des Zaren und durch die Entfaltung der russischen Militärmacht sollteden Barbarenhäuptern Centralasiens Achtung und Schrecken eingeflößt und zugleichuas Reich gegen feindliche Einfälle geschützt werden. Vom April bis Juni rückten°ie russischen Heeressäulen unter dem Oberbefehl des Generals Kaufmann mitUnglaublichen Beschwerden, Anstrengungen und Kriegsnöten durch das weite Wüsten-iand der Hauptstadt zu. Als die verschiedenen Abteilungen sich vor Chiwa vereinigt,begann die Belagerung der von 20 000 Turkmenen verteidigten Stadt. Nach einerheftigen Beschießung mußte sie sich ergeben; am 10. Juni hielt General Kaufmannseinen Einzug als Sieger. Der Khan hatte sich geflüchtet, aber er kehrte bald zurückund nahm die Friedensbedingungen an, die ihm eine Kriegskontribution von zweiMillionen Rubel auflegten, alles Land auf dem rechten Ufer des Amu-Darja (Oxus)
°em russischen Reiche beifügtm und für das übrige Gebiet von Chiwa den Herrscherfu ein Verhältnis zu dem Kaiser setzten, dem zur Vasallität nur der Name fehlte.
Diese Bedingungen gingen weit über die Grenzen einer Züchtigung hinaus, wieRußland der englischen Regierung das Unternehmen vorgestellt hatte, und vermehrtenin hohem Grade die Machtstellung des Zarenreichs in Mittelasien. Kein Wunder,wenn England mit einiger Beklemmung auf die Fortschritte der russischen Kriegs-u«d Eroberungspolitik blickte. In den nächsten Jahren erhielt der russische Einflußin Mittelasien eine wesentliche Verstärkung durch Einverleibung des Khanats Cho- Es.land (Ferghanistan) und Unterwerfung der Tekke-Turkmenen. Damit war der E- «r-Weg nach Merw eröffnet, dem „Schlüssel nach Indien". Auch in diese Wüstenstadtwurde eine russische Besatzung gelegt.
3. England, Holland, Skandinavien.
Z. 646. England unter dem Ministerium Gladstone. Im Anfangdieses Jahrhunderts stand England unter den kriegführenden Mächten in erster ReiheUnd erntete beim Weltfrieden von 1815 reiche Früchte. Von dieser aktiven Politik"ach außen ist das britische Jnselvolk zurückgekommen: mit Ausnahme der Feldzügeau der unteren Donau und in der Krim (§Z. 580 ff.) hat es sich von den kriegerischenVerwickelungen Europas fern gehalten. Allein die Regierung hat die NeutralitätU'cht so sorgfältig beobachtet, daß ihr nicht aus ihrer zweideutigen Haltung Wider-wärtigkeiten und Nachteile, ja selbst Demütigungen erwachsen wären; die englischenAmpathieen haben den Dänen nicht den Verlust von Schleswig-Holstein erspart;Rußland hat den deutsch-französischen Krieg benutzt, um sich in brüsker Weise vonästigen Bestimmungen des Pariser Friedens loszusagen; und durch die geheime Be-günstigung der südlichen Staaten Nordamerikas im Krieg wider die Union hat sichEngland mit der Regierung von Washington verfeindet. Daß während des KriegesKaperschiffe der Konföderierten aus englischen Seehäfen ausliefen, gab Veranlassungöu jahrelangen Unterhandlungen über die „Alabamafrage", die endlich zum Nachteil