556
Geschichtliche Rundschau. 8 646.
des britischen Inselstaats entschieden wurden. Zu dieser Politik der Enthaltsamkeitwurde die Regierung nicht allein durch die Friedensliebe und durch die Fürsorge Mden ungestörten Fortgang des Handels- und Jndustrielebens geführt; sie hatte aucherkannt, daß das englische Heerwesen hinter der Streitmacht der Kontinentalstaatenweit zurückstehe sowohl an Stärke als an Organisation: aber zu umfassenden Refor-men nach Art der festländischen Militärstaaten war das Parlament nicht zu bewege"-Mit Mühe wurde gegen den Widerspruch des Oberhauses die Abschaffung des Stel-lenkaufs bei der Armee durchgeführt. Und doch bargen die Fortschritte, welche Ruß-land in Centralasien machte, und die zunehmende Zerrüttung des Reichs am Bospo-rus, die stets wieder von neuem eine „orientalische Frage" auf das Forum der euro-päischen Politik und Diplomatie einführte, Keime von Kämpfen und Zerwürfnisse" >im Schoß, die leicht auch das Jnselreich wieder zu einem Landkrieg forttreiben konnten-Wie seit der Alabamafrage gegen Nordamerika eine gewisse nationale Eifersuchtobwaltete, so seit dem Chiwakrieg gegen Rußland. — Aber wie sehr das liberaleMinisterium Gladstone beflissen war, sich von den kontinentalm Händeln fern z"halten, die europäische Völkerfamilie ist zu sehr von denselben Lebensinteressen bewegt,als daß die großen Kulturfragen, welche die festländischen Staaten in Aufregungsetzten, nicht auch jenseits des Kanals ihr Echo hätten finden sollen. Auch in Englandsollte die Wahrheit des Erfahrungssatzes zu Tage treten, daß mit der römische"Hierarchie kein ehrlicher Vergleich auf der Basis der Gerechtigkeit und Billigkeit ab-geschlossen werden könne, daß dieselbe in ihrer unbegrenzten Herrschsucht nur auf Un-terwerfung aller widerstrebenden Elemente hinausgehe. Vergebens hatte die Regierunggehofft, in Irland einen konfessionellen Friedenszustand zu schaffen, als sie die Ent-staatlichung der englischen Hochkirche durchsetzte (Z 578); die klerikalen Umtriebehatten ihren ununterbrochenen Fortgang; alle Reformpläne Gladstones scheiterten ander römisch-katholischen Unduldsamkeit. Je mehr aber der Ultramontanismus auchin England Boden gewann und bei einem Mann ing und Genossen in der krasse-sten und anmaßendsten Weise hervortrat, desto mehr regte sich auch bei dem Kerneder Nation, in den bürgerlichen Kreisen der nationale Haß und Widerwille gegen ^Papismus und Jesuitismus. Die kirchlichen Vorgänge in Deutschland fanden dielebhafteste Teilnahme bei der britischen Nation; der alte freisinnige Lord John RusseÜveranstaltete eine große Versammlung, um dem deutschen Kaiser die Bewunderung desenglischen Volkes für seinen mannhaften Brief an den Papst und der deutschen Nationdie Zustimmung der englischen in ihrem Kampfe gegen den Ultramontanismus aus-zusprechen. Unter solchen Verhältnissen und Stimmungen war die vermittelnde undnachgiebige Politik Gladstones, die namentlich in der irischen Frage auf viel Wider-spruch stieß, nicht mehr zeitgemäß; die Tones, welche bessere Bürgschaft zu bietenschienen, daß sie an den durch die Reformation geschaffenen religiösm Anschauungenund Jdeeen festhalten, gewannen immer mehr Boden in der öffentlichen Meinung,so daß ein baldiger Wechsel des Ministeriums sich voraussehen ließ. Vergebenswendete sich Gladstone noch einmal an die Nation, indem er das Parlament auflösteund neue Wahlen anordnete; als die Mehrzahl der Gewählten aus den gegnerischenKreisen hervorging, blieb dem alten politischen Kämpen nichts übrig, als sein Ent-lasiungsgesuch einzureichen. Die Königin nahm es an und übertrug dem Haupte derTones, dem Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Disraeli die Bildung einesneuen Ministeriums für seine Politik der „konservativen Reaktion". Gladstone zogsich in die Stille des Privatlebens zurück und widmete seine Muße dem Studium derkirchlichen und religiösen Dinge, die ihm von Jugend auf besonders am Herzen ge-legen. Und um sich desto freier und ungestörter seinen litterarischen Arbeiten hingebe"zu könnm, legte er einige Zeit nachher auch die Führerschaft der liberalen Partei i>"Parlament nieder. Die Schriften, worin der geistreiche Mann die religiösen Zeit-fragen behandelte und sowohl gegen die englischen Ritualisten als gegen den Vatikan