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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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561
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K. 650. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 561'

rung der bestehenden Ordnung konnte nur zur Anarchie und zum Bürgerkrieg führen.

Thiers war also der unentbehrliche Mann der Gegenwart; und so sehr war er selbstvon diesem Bewußtsein durchdrungen, daß er mehrmals durch die Androhung seinesRücktritts die widerstrebenden Elemente in der Versammlung zum Nachgeben undZustimmen brachte. So setzte er es durch, daß bei der neuen Gemeindeordnung dieBürgermeister der größeren Städte nach wie vor von der Regierung ernannt würden. 14- AprilMit großer Gewandtheit wußte sich der erfahrene Staatsmann zwischen der demokra-tisch-republikanischen Partei und den Monarchisten durchzuwinden; und der glänzendeErfolg des Nationalanlehens konnte als Beweis gelten, daß man in seine PolitikVertrauen hatte. Durch die hohen Angebote, welche durch die mehrfache Überzeich-nung des geforderten Anlehens Zeugnis gaben sowohl von dem unerschöpflichen Reich-tum der Nation, als von dem »»geschwächten Kredit Frankreichs im Auslande, warThiers instand gesetzt, die Abzahlung der Kriegsentschädigung und damit die Räu-mung des Landes von dem Besatzungsheer zu beschleunigen und den zerrütteten Staats-haushalt und die gestörte Finanzwirtschaft wieder in einige Ordnung zu bringen.

Z. 650. Die Republik des Herrn Thiers. Thiers hatte neben der Be-freiung der besetzten Provinzen von den deutschen Okkupationstruppen in erster Liniedie Reorganisation des französischen Heerwesens ins Auge gefaßt. Doch konnte ersich nicht zu dem Entschlüsse aufschwingen, die allgemeine Wehrpflicht und die allge-meine Schulpflicht, durch welche sich einst das niedergeworfene Preußen in einer nochviel drückenderen Lage zu einer sittlichen Wiedergeburt emporgearbeitet hatte, imganzen Umfange einzuführen und zur Wahrheit zu machen. Dem Namen nach wurdefreilich auch in Frankreich die allgemeine Wehrpflicht zum Gesetz erhoben und dieStreitkraft auf eine gewaltige Höhe gebracht, aber unter solchen Bedingungen undBeschränkungen, daß sich die reicheren und gebildeten Klassen vom Dienste im Heeredoch befreien konnten. Und als der Kultus- und Unterrichtsminister Jules Simonein Schulgesetz auf liberaler Grundlage in Vorschlag brachte, erfuhr dasselbe vonfeiten des Klerus und seines Vorkämpfers, des Bischofs Dupanloup, so starkeAnfechtungen, daß das Vorhaben von der Regierung aufgegeben ward. — Um dasHeerwesen in solchen Stand zu setzen, wie Thiers beabsichtigte, bedurfte es einer Er-höhung des Militärbudgets und folglich auch einer Erhöhung der Staatseinnahmen.

Dazu wäre eine allgemeine Einkommensteuer das zweckmäßigste Mittel gewesen; aberaus Rücksicht für die höheren Klassen, denen diese Besteuerung ebenso wenig genehmwar, wie die allgemeine Wehrpflicht, wählte Thiers nicht diesen Ausweg, sondernschlug neben andern kleineren Mitteln eine Besteuerung der Rohstoffe vor, alsoeine Rückkehr zum alten Schutzzollsystem, dessen Beseitigung eine der wichtigstenHandlungen des bonapartischen Kaisertums gewesen war. In der Nationalversamm-lung erhob sich gegen diesen Antrag eine so lebhafte Opposition und von feiten derRechten eine so gereizte Debatte, daß Thiers und das ganze Ministerium ihre Ent-lastung einreichten. Aber noch konnte man sich nicht über einen Nachfolger vereinigen.

Daher kam es zu einem Kompromiß, durch welches die Steuervorlage mit gewissenEinschränkungen zum Gesetz erhoben und die Kündigung der bestehenden Handels- JEvertrüge genehmigt wurde. Nun konnte auch die Reform des Heerwesens zur Ein-führung gebracht werden. Der aktiven Armee mit fünfjähriger Dienstpflicht und bei-behaltener Stellvertretung sollte eine „Territorialarmee", eine Art Landwehr, zurSeite stehen. — Aber die Stellung des Präsidenten zur Nationalversammlung warnicht besser geworden. Unter dem Druck der Ereignisse hatte einst die Nation Ver-treter gewählt, die ihr den heiß ersehnten Frieden schaffen sollten. Es zeigte sichjedoch bald, daß die Gewählten keineswegs der Ausdruck der gesamten Nation, janur des größeren Teiles derselben waren. Bei den Nachwahlen erlangten meistensRepublikaner die Stimmenmehrheit, ein Beweis, daß die „konservative Republik",welche Thiers ausbaum und erhalten wollte, nach dem Sinne des französischen Volkes

Weber, kl. Weltgeschichte. 36