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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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s- 651.

Geschichtliche Rundschau.

war. Aber je mehr die monarchischen Elemente sich sammelten und verständigten,desto mehr suchten sie den republikanischen Charakter von der Regierung abzustreifen;die bestehende Ordnung sollte als eine Art Interim so lange fortdauern, bis die Er-richtung einer monarchischen Regierung möglich sein würde; daher hintertrieben siealle Versuche, welche geeignet schienen, die republikanische Verfassung endgültig zubefestigen. Aber auch die Linke, wo der feurige Gambetta das entscheidende Wortführte, war mit der Zwitterschöpfung einerkonservativen Republik" keineswegs be-friedigt; sie verlangte, daß die Versammlung ihre Selbstauslösung beschließe und neueWahlen anordne, denn sie sei nur zur Herstellung des Friedens berufen worden, nachBeendigung dieser Aufgabe sei sie verpflichtet, der Nation ihr Mandat zurückzugeben.So unstreitig die hohen Verdienste waren, die sich Thiers um Frankreich erworbenhatte, durch Aufrichtung der öffentlichen Ordnung und Autorität, durch Schaffungeiner regulären Armee, durch Wiederherstellung einer soliden Finanzwirtschaft; allediese Verdienste fanden vor der Parteisucht und der politischen Leidenschaftlichkeit derVolksvertreter in Versailles keine Anerkennung. Immer mehr gewann die royalistischeReaktion Boden und suchte im Bunde mit den Klerikalen und mit dem nationalenHaß und Vorurteil ihre Gegner zu Fall zu bringen. Gegen die Radikalen und Libe-ralen, zu denen auch der Voltairianer Thiers gezählt ward, wurde der Aberglaubeund Fanatismus losgelassen, und gegen die Bonapartisten organisierte man den Ter-rorismus der Kriegsgerichte. Die Franzosen konnten sich nicht in den Gedankenfinden, daß ihre militärische Suprematie durch die Überlegenheit der preußisch-deut-schen Waffen im letzten Kriege gebrochen worden sei; die Niederlagen sollten nur vondem Verrat oder der Unfähigkeit der Führer herrühren. Diesem nationalen Vorurteilbeschloß die Regierung entgegenzukommen, der Volksleidenschaft Opfer zu bringen,und so erlebte man denn das klägliche Schauspiel, daß die Kommandanten, welchedie französischen Festungen dem Feinde übergeben hatten, einem kriegsgerichtlichenVerhöre unter dem Vorsitze des Marschalls Baraguay d'Hilliers unterworfen und dieMehrzahl derselben wegen bewiesener Unfähigkeit oder Schwäche in ihrer militärischenEhre geschädigt wurden, in einem Augenblick, da alle Ursache hatten, an die eigeneBrust zu schlagen und auf den zusammengebrochenen Ruinen einen neuen Bau auf-zurichten, statt in dem vergangenen Unglück zu wühlen und die Fehler einzelner bloß-zustellen. Auch Uhrich, der einst so hochgefeierte Kommandant von Straßburg, mitdessen Namen man eine Pariser Straße belegt hatte, wurde von dem kriegsgerichtlichenRügespruch getroffen. Aber für die Hauptaktion war der Oberbefehlshaber von Metz,der Marschall Bazaine, ausersehen, dessenVerrat" das ganze Unglück Frankreichsverschuldet haben sollte. Monatelang wurde er in Versailles in Gewahrsam gehalten,während man die Vorbereitungen zu dem großen kriegsgerichtlichen Drama sammelte,das dann im folgenden Jahre unter der Leitung des Herzogs von Aumale inScene gesetzt ward.

H. 651. Mac Mahon zum Präsidenten gewählt. Aber ehe der großartigeProzeß gegen Bazaine, auf welchen die Augen von ganz Europa wochenlang gerichtetwaren, zur Entscheidung kam, erfüllte sich das Schicksal des Präsidenten Thiers. Eswar ein eigentümliches Zusammentreffen, daß zu derselben Zeit, da Thiers durch be-schleunigte Abtragung der noch rückständigen Kriegsschuldtermine an das deutscheMzrz Reich seiner patriotischen Thätigkeit die Krone aufsetzte und durch einen neuen Ver-1878. trag über den Abzug der preußisch-deutschen Okkupationstruppen bei der französischenNation höher als je in Gunst stand, sein Ansehen in der Versailler Versammlungmehr und mehr dahinschwand. Seitdem Kaiser Napoleon Hl. in seinem englischenJanuar Verbannungsort Chiselhurst infolge einer schmerzhaften Operation aus dem LebenE' geschieden war, entwickelten die Anhänger der alten Monarchie eine größere Thätigkeitals zuvor. Wenn auch in ihrm Zielen und Bestrebungen weit auseinander gehend,da die einen dem Grafen von Chambord die Krone zuwenden wollten, die anderen für