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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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563
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H. 651. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 563

die Orleans arbeiteten, eine dritte Partei, an ihrer Spitze Nouher, den jungen Na-poleon, der sich dem Alter der Mündigkeit näherte, als Präsidenten aufstellte, sowaren sie doch in dem einen Punkt einig, daß sie die Erklärung der Republik alsbleibender Verfassungsform Frankreichs aus allen Kräften zu verhindern, die Mon-archie im Prinzip aufrecht zu erhalten suchten. Nun wissen wir aber, daß Thiers,obwohl theoretisch in seinen Ansichten und Gewohnheiten mehr zur konstitutionellenMonarchie hinneigend, diekonservative Republik", die Republik derehrlichenLeute" für diejenige Staatsform hielt, die unter den obwaltenden Zeitverhältnissenin Frankreich allein möglich sei, unter welcher die verschiedenen politischen Parteien<rm ersten für das Wohl der Nation zusammenwirken könnten; daher war sein Strebenauf den Ausbau und die endgültige Befestigung der republikanischen Staatsordnunggerichtet. Die notwendige Folge dieser Politik war, daß er immer mehr zur Linkenhinneigte und dadurch sich nicht bloß der dynastisch gesinnten Rechten entfremdete,sondern auch in den beiden Centren, auf die er sich bisher hauptsächlich gestützt, ausdenen er seine Minister gewählt hatte, allmählich an Boden verlor. Zu den politi-schen Mißhelligkeiten gesellten sich noch kirchliche. Je mehr in Deutschland die Oppo-sition gegen den Ultramontanismus hervortrat, desto mehr stellten die tonangebendenKreise in Frankreich ihre papistische Gesinnung, ihren politisch-klerikalen Katholizismuszur Schau. Man begünstigte Wallfahrten, man belebte einen Aberglauben undWunderglauben, einen Marien- und Heiligenkult, wie er im Mittelalter nicht krasserzu finden war, man erstickte die altkatholischen Regungen im Keim; die Präfektenerließen entehrende Verordnungen gegen die Protestanten, wie in den Tagen Lud-wigs XIV. Diesem heuchlerischen und bigotten Gebaren, das wie eine Maske deninneren Unglauben, die irreligiöse freigeistige Gesinnung des größten Teiles derNation verhüllte, waren die Republikaner, waren alle aufgeklärten vernünftigenMänner, warm auch Thiers und der mehrjährige Präsident der Nationalversammlung,Grövy, nicht zugethan. Durch eine stürmische Sitzung sah sich der letztere veranlaßt,dm Vorsitz niederzulegm. Darauf wählte die monarchisch-klerikale Mehrheit einender Ihrigen, dm Abgeordneten Büffet zum Präsidenten. Dies war das Vorspiel zuThiers' eigenem Fall. Als er den gemäßigten Republikaner Cafimir Pörier indas Kabinett berief, wurde von der monarchistischen Opposition ein Tadelsvotum es. Mai.gegen die Ministerwahl in der Versammlung durchgesetzt. Da reichte Thiers seinEntlassungsbegehrm ein und erfuhr die nicht verdimte und wohl auch nicht erwarteteKränkung, daß es von der Mehrheit der Nationalversammlung angenommen und derMarschall Mac Mahon, Herzog von Magenta, an seiner Stelle zum Präsidentender Republik gewählt ward. Nachdem dieser die Wahl angenommm, übertrug er demHerzog von Broglie, der die ganze Intrigue gegen Thiers gesponnen und geleitethatte, die Bildung eines nmm Ministeriums, in welchem die Monarchisten die Ober-hand hatten. So erlebte denn die Welt dm in der Geschichte einzigen Fall, daß eingeschlagener Feldherr, der es nur einer im rechten Augenblick erhaltenen Wunde zudanken hatte, daß nicht die Katastrophe von Sedan sich unter seiner Leitung vollzogen,an die Spitze eines militärischen Großstaats emporgehoben ward. Um dem ungläu-bigen freigeistigen Republikanismus die Stirne bietm zu können, stützte sich das neueRegimmt auf die klerikalen Elemente Frankreichs. Nicht nur, daß die Schule unterder geistlichen Herrschaft blieb, daß die Erziehung der künftigen Geschlechter, besondersder weiblichen Jugend, noch mehr als zuvor dm Händm der Ordmsbrüder und derOrdensschwestern anvertraut ward; auch im äußeren Leben wurde die kirchliche Werk-heiligkeit mit bewußter Ostentation getrieben. Pilgerfahrten zu wunderthätigmOrten wurden als nationale Feste veranstaltet, wozu sich aus anderen Ländern pa-pistische Aristokraten einfanden; an dem Wallfahrtsort Parey-le-Monial, wo zuEhren einer verzückten Heiligen des siebzehnten Jahrhunderts, Maria Alacoque, eineKapelle errichtet worden, wurde von einer Anzahl legitimistischer Deputierten, unter

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