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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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8. 652.

Geschichtliche Rundschau.

Teilnahme des Bischofs von Autun, Frankreich dem heiligen Herzen Jesu geweiht;himmlische Visionen tauchten auf. In diesem Treiben lag zugleich eine Demonstra-tion gegen dieVerfolgung der Kirche" in Deutschland. Die alten Rachegedankenflössen mit der neuen Wut über das Vorgehen der deutsch-preußischen Regierung gegendie Kirche in eins zusammen. Auf den Wallfahrtsfesten betete man:Rette Frank-reich und Rom und hilf uns Elsaß-Lothringen wieder befreien".

Z. 652. Frankreich sucht einen König. Aber auch die neue Regierung warweit entfernt, durch kriegerisches Auftreten dem himmlischen Arm vorgreifen zuwollen: vielmehr war sie eifrig beflissen, den Frieden nach außen zu erhalten, umdesto kräftiger dem bedenklichen Fortschreiten "des republikanischen Geistes, das sichbei jedör Nachwahl kundgab, ,im Innern entgegentreten zu können. Die sichersteBürgschaft schien ihr eine monarchische Restauration zu bieten. Die herrschende Seiteder Nationalversammlung betrieb daher aufs eifrigste eineFusion" der beiden ^Zweige der bourbonischen Dynastie als den sichersten Weg zu diesem Ziele. Sie^ i 87 s.^ erlebte denn auch den Triumph, daß der Graf von Paris nach Frohsdorf reiste, umim Namen der Familie Orleans dem Enkel Karls X., der von seinem Schloß beiBlois den Namen^Graflwon Chambord führte,"als dem H aupt des Haus es zuhuldigen. Die Ausgleichung war jedoch nur eine äußerliche und hatte keineswegs dieerwartete Wirkung. Aber in den herrschenden Kreisen machte das Ereignis großenEindruck: das Haupthindernis einer Wiederherstellung der Monarchie schien damitbeseitigt. Diesen goldesten Traum in Wirklichkeit zu verwandeln, das zerrissene un-fertige Staatswesen Frankreichs durch die Verbindung von Thron und Altar wiederzu der alten monarchischen Einheit und Kraft zurückzuführen, war nunmehr das eif-rigste Bemühen derIkoyalisten und Klerikalen in der Versailler Nationalversamm-lung. Da trat aber bald unter den beiden Gruppen der Monarchisten eine prinzipielleVerschiedenheit der Ansichten und Bestrebungen hervor. Nach der Auffassung derLegitimsten und ihres Hauptes sollte dek Enkel Karls X. als der einzig berechtigteInhaber her Krone von der Nationalversammlung einfach zurückberufen, alles weitereihm vertrauensvoll überlassen werden; denn jede Bedingung, die man ihm auferlege,würde seid Erbrecht in Frage stellen, das götmche Prinzip auf eine Linie mit derRevolution setzen; gerade diöse Legitimität aber war in den Augen Charnbords dashöchste Gut, das er in keiner Weise antasten, durch die Zeitideeen abschwächen lassenwollte: er konnte in Wahrheit alsRitter derLegitimität" bezeichnet werden. DieOrleanisten dagegen forderten Bürgschaften, daß man nicht zu dem absoluristischenRegime früherer Jahrhunderte zurückgreifen, nicht die Errungenschaften der Revolu-tion in Frage stellen wolle; sie verlangten, daß Chambord vor seiner Rückberufungals König wenigstens die Verpflichtung eingehe, die Regierung in den Formen undmit denWchten einer konstitutionellen Monarchie zu führm. Jester Auffassung dientedie weiße Fahne des asten Königtums, dieser die Tricolore als Symbol: nur mit derdreifarbigen Fahne, an welche Frankreichs Ruhm und Ehre seit bckld einem Jahr-hundert geknüpft war, sollte König Heinrich V. regieren. Nach larigen Unterhand-lungen vereinigten sich die beiden Parteien zU einem Programm, in welchem dasPrinzip der erblichen Monarchie in ekster Linie anerkannt, aber zugleich alle wesent-lichen Recht e eines Verfassungsstaates mit znlei Kammern nebst Beibehaltung derTricolore bedungen waren. Dieses Programm sollte von dem Grafen angenommenund auf Grund desselben die Rückberufung von der Nationalversammlung ausge-sprochen werden. Aber der Plan scheiterte schließlich an der Ab neigu ng des Grafen27 . Ott. auf das Kompromiß einzugehen. Er erklärte seinen Freunden, er müsse bei derweißen Fahne beharren, er könne dieses Opfer seiner Ehre nicht bringen, er wollenichtder leKtime König der Revolution" sein. Damit konnte der Plan einer Wie-derherstellung des bourbonischen Thrones als gescheitert betrachtÄ"werden. Ein

Mann, schon in vorgerücktem Alter, an ein zurückgezogenes bequ'irmes Stillleben ge-