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Geschichtliche Rundschau.
Z. 660.
7. Der orientalische Krieg und Rußland.
H. 660. Insurrektionen. Andrassysche Note. Berliner Memorandum.Die Unfähigkeit der Pforte, im Lande eine feste Rechtsordnung zu schaffen und eineobrigkeitliche Autorität zu begründen, sowie die zunehmende Zerrüttung des türkischenReiches infolge der unsinnigen Verschwendung des Sultans und der Mißwirtschaftin den Provinzen wurde von Rußland benutzt, den trennenden Keil immer weiterin die Völker- und Staatengruppe einzutreiben, welche südwärts der Donau zwischender Adria im Westen und dem schwarzen und ägäischen Meer im Osten hingelagertist. Die tiefe Kluft zwischen den mohammedanischen Gutsherren, deren Vorfahreneinst durch den Übertritt zum Islam sich den Besitz ihrer Güter erhalten, und derchristlichen Bevölkerung, die in einem Verhältnis der Dienstbarkeit mit hohem Pacht-zins kümmerlich dahinlebte, verbunden mit der Tyrannei und Bedrückung moham-medanischer Vögte und Steuererheber bot eine natürliche Handhabe zu agitatorischerAufstapelung. Bald wurden die religiösen Leidenschaften angefacht, bald der Rassen-haß geschürt und das Bewußtsein der slavischen Blutsverwandtschaft geschärft. Dieunerträgliche Lage führte zuerst in der Herzegowina und dann in Bosnien zu bewaff-neten Volksaufständen. Die Frauen, Kinder und Greise flüchteten mit ihrem Viehund ihren Habseligkeiten auf österreichisches und montenegrinisches Gebiet, währenddie Männer und Jünglinge in die Wälder zogen und gegen die türkischen Truppen,mit denen Mukhtar Pascha, ein natürlicher Sohn des Sultans Abdul Aziz,heranrückte, einen Bandenkrieg eröffneten. Die Jnsurgentenscharen wurden durchFreiwillige aus Serbien und Montmegro verstärkt und nahmen in den Püffen undSchluchten feste Stellungen. Auf Anregung Österreichs, dessen Grenzlande durch dieTausende von Flüchtlingen schwer in Mitleidenschaft gezogen waren, versuchten dieMächte, die einst den Pariser Frieden unterzeichnet, eine Vermittelung. Die Türkensollten zu Reformen, die Aufständischen zur Niederlegung der Waffen bewogenwerden. Die Vermittelung hatte keinen Erfolg. Die Insurgenten, durch Erfahrungbelehrt, daß die in Konstantinopel gemachten Versprechungen stets unerfüllt blieben,konnten kein Verträum fassen zu den von der Pforte in Aussicht gestellten Reformen,wenn nicht von dm Mächten selbst für die wirkliche Erfüllung Bürgschaft geleistetwürde. Mittlerweile waren die drei Ostmächte Österreich, Rußland und Deutschlandübereingekommen, um dem Aufstande Einhalt zu thun und die Bewohner der euro-päischen Türkei aus der unerträglichen rechtlosen Lage zu befreien, der ottomanischenRegierung einen vom Grafen Andrassy ausgearbeiteten Entwurf zu unterbreitmmit Vorschlägen, wie den Mißständen abzuhelfen, die Lage der christlichen Unter-thanen zu bessern sei. Aber auch die Andrassysche Note, obwohl von allen Groß-mächten gutgeheißen, blieb ein Aktenstück ohne praktische Wirkung. Die Feindselig-keiten begannen von neuem und nahmen einen energischeren Charakter an, weil sichmittlerweile die Gärung auch über Bulgarien verbreitet hatte und auch FürstMilan in Belgrad Miene machte, sich den Religions- und Stammesgenossen anzu-schließen, in der Hoffnung, mit Hilfe der Aufständischen sich zum souveränen Herrnvon Serbien und Bosnien aufzuschwingen. Wie einst in Deutschland und Italiender Nationalverein für die innere Einheit wirkte, so war in der Balkanhalbinsel dieOmladina ein thätiges Organ panslavistischer Unionsideeen. Durch dieses Auf-flackern des slavischen Stammesgefühls wurde naturgemäß Rußland zur leitendenMacht erhoben. Das ehrgeizige Ziel, welches das Moskowiterreich seit Peter dem Gr.ununterbrochen als traditionelle Politik im Auge hatte, durfte es jetzt im AuftrageEuropas, mit der begeisterten Zustimmung aller Religions- und Stammesgenossenim Norden wie im Süden der Donau und des Balkan verfolgen! Bei der wachsen-den Ausbreitung der Aufstände über Bulgarien und andere Teile der Balkanhalb-insel glaubten die drei Kaisermüchte der Andrassysche» Note größeren Nachdruck