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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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579
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k. Mai187S.

Z. 661. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 579

geben, die Forderungen schärfer fassen zu muffen. Zu dem Ende wurde bei Gelegen-heit einer Reise des Zaren durch Berlin nach Ems in der deutschen Hauptstadt eineKonferenz der drei Reichskanzler Bismarck, Gortschakow und Andrassy abge-halten, deren Ergebnis einMemorandum" war, das im Namen der verbündetenGroßstaaten der Pforte überreicht werden sollte. Darin wurde der türkischen Re-gierung die Durchführung der versprochenen Reformen im Interesse des Friedens zurdringendsten Pflicht gemacht, mit der Hinweisung auf wirksamere Maßregeln für denFall einer Verzögerung.

H. 661. Türkische Zustände. Die bulgarischen Greuel und derserbisch-türkische Krieg. Die Aufstände der Christen in Bulgarien und dieUnterstützung, welche den Jnsurgentm von den Russen und den eingeborenen Slavengeleistet wurde, hatten die Glaubenswut der Mohammedaner und den Volkshaßgegen Rußland aufgestachelt und eine so gereizte Stimmung erzeugt, daß der religiöseund nationale Fanatismus sich in blutigen Gewaltakten Luft machte. Noch vor derBerliner Zusammenkunft waren in Salonichi wegen eines angeblich oder wirklichzum Islam übergetretenen Bulgarenmädchens Streitigkeiten zwischen Christen undMohammedanern ausgebrochen, infolge deren der deutsche und der französische KonsulAbbot und Moulin vom türkischen Pöbel in einer Moschee mit Knütteln, Eisen-stangen und Schwertern ermordet wurden. Und einige Tage nachher trat in derHauptstadt selbst der national-religiöse Fanatismus an einem Gewaltakt gegen denSultan hervor. Abdul Aziz war in den Augen der Moslem der Urheber allerUnfälle, welche die türkische Nation betroffen, daher wurde seine Entthronung be-schlossen. Die Softas oder Zöglinge der Priesterschulen thaten sich zusammen undrückten in langem Zuge vor den Palast des Großherrn, die Absetzung des Groß- n. Mai.wesiers Mahmud Pascha, der für einen Anhänger Rußlands galt, und des Scheich-ul-Jslam verlangend. Der erschrockene Sultan gewährte ihre Forderungen und er-nannte zwei andere Großbeamte. Damit war jedoch der Staatsstreich nicht zu Ende.

Als der Sultan sich auf Rache sinnend in das Innere seiner Gemächer barg, beschloß so. Maisein eigener Ministerrat, unter Zustimmung des neuen Scheich-ul-Islam, seineEntsetzung und erklärte den rechtmäßigen Thronfolger Murad V. zum Herrscherder Gläubigen. Der Sultan wurde in nächtlicher Stunde von den vornehmen Ver-schwörern, darunter Midhat Pascha, überfallen und in den inneren Gemächern seinesPalastes ermordet. Die offiziellen Angaben, Abdul Aziz habe sich selbst in einemAnfall von Irrsinn mit einer Schere die Pulsadern geöffnet, erwiesen sich in derFolge als absichtlich ausgestreute Lügenberichte. Einige Tage nachher wurden zweiUrheber des Staatsstreiches Raschid und Hussein Avni in der Ratssitzung voneinem Tscherkessen, Hassan, ermordet. Im geschichtlichen Leben des türkischen Volkesist es öfters vorgekommen, daß innere Erschütterungen die sonst apathischen Orien-talen zu energischer Kraftentfaltung aufrüttelten, die träge Natur und den schlum-mernden kriegerischen Geist zu rascher Aktion antrieben. Dieser Fall trat auch jetztein. Die Vorgänge in Salonichi und Konstantinopel erzeugten in den muselmanischenKreisen, insbesondere bei der Armee, eine leidenschaftliche Erregung. Der zu frühausgebrochene Aufstand in Bulgarien wurde durch Tscherkessenbanden und Freischaren(Baschi-Bozuks) blutig niedergeworfen, freilich in Begleitung von Greuelscenen,welche, als sie nach und nach in ihrem vollen Umfang bekannt wurden, in ganzEuropa einen Schrei des Entsetzens hervorriefen. Fürst Milan von Serbien undNikita von Montenegro hatten inzwischen mit den Insurgenten in Bosnien und derHerzegowina gemeine Sache gemacht, in der Absicht, die aufständischen Landschaftenunter ihre Herrschaft zu bringen. Sie rechneten auf die Hilfe Rußlands und dieUnterstützung der panflavistifchen Partei in Moskau. Ende Juni rückte Milan mitseiner Armee, bei welcher der russische General Tschernajew das Hauptkommandoführte und viele russische Freiwillige, Offiziere und Gemeine Dienste genommen

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1876.

Juni.