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§. 661.
Geschichtliche Rundschau.
hatten, an mehreren Stellen über die Grenze. Allein auch jetzt noch erfochten die oi
Aufständischen keine Lorbeeren. Die meistens aus Freischaren und Milizmannschaften v«
bestehenden Truppen der Christen waren im Felde den türkischen Soldaten selten ge- u
wachsen. In Konstantinopel aber beharrte man um so mehr bei dem Widerstand, als si
England Miene machte, für die Türkei einzutreten. Die Toryregierung entsandte eine b
Flotte in die griechischen Gewässer, welche in der Besikabai, nahe an den Dar- ^
danellen, Anker warf, ohne sich durch die Whigpartei und ihren Führer Gladstone ri
irre machen zu lassen, welche die „bulgarischen Greuel" als Agitationsmittel gegen E
das Kabinett Disraeli-Derby ausbeutetm. So hatte der Krieg in Westen und "
Norden seinen Fortgang, während in der Hauptstadt die russische und englische Diplo- ^
matie einander den Rang abzugewinnen bestrebt war. Die Absetzung des entnervten, "
si. Aug. an Geistesschwäche leidenden Sultans Murad V. und die Übertragung des Thrones-^6- ^ seinen Bruder Abdul Hamid II. hatte keine Änderung der politischen Lage zur d
Folge. Auch der neue Sultan wurde als „Reformator des türkischen Reiches" be- E
grüßt. Der Krieg gestaltete sich indessen für die osmanischen Waffen günstiger als ^
für die Gegner. Es war nur eine bedeutungslose Komödie, wenn der Oberfeldherr ?
Tschernajew, um die jüngste Wendung der Dinge zum Ausdruck zu bringen, Milan e
als „König von Serbien" proklamierte und durch seine Armee dem neuen Souverän *
den Eid der Treue schwören ließ. Denn schon im nächsten Monat durchbrach der r
türkische Befehlshaber Abdul Kerim nach achttägigen Kämpfen im Thale derMorawa die Hauptlinie der serbischen Heereskräfte Deligrad-Djunis-Kruschewatz, er- ^
stürmte die Festung Alexinatz und gewann eine Stellung, die ihm den Weg nach- '
Belgrad offen legte. Sollte aber Zar Alexander ruhig zuschauen, wie Serbien zer- k
malmt, Bosnien und Herzegowina in ein Totenfeld verwandelt, die bulgarischen i
Christen hingemordet würden? Sollte er den Schmerzensschrei überhören, der von <
den Donauländern zu ihm schallte, den Hilferuf unbeachtet lasten, den Milan in ^
seiner Angst und Verzweiflung an ihn richtete? Er hatte sich bei seiner Rückkehr aus i
Deutschland der fortdauernden Bundestreue Österreichs und Preußens versichert und- '
durch die nachträgliche Sendung des Generals Sumarakow nach Wien die Über- '
zeugung gewonnen, daß Österreich sich nicht durch die magyarischen Agitationen zu ^
einem bewaffneten Widerstand fortreißen lasten würde, wenn Rußland seine Heere ^
über die Donau senden sollte; er hatte aus Berlin die freundlichsten Zusagen em- '
pfangen, daß Deutschland-Preußen an dem Dreikaiserbündnis festhalte und die Rolle s
eines Friedensvermittlers nicht aufzugeben beabsichtige; durch die fortwährenden Zu- ^
züge von Freiwilligen aus Rußland nach Serbien und durch die Thätigkeit der Hilfs- ^
ausschiffst, die in Moskau ihr Centrum hatten, war er zu der Überzeugung gekommen,daß das russische Volk den leidenschaftlichen Wunsch hege, die moskowitische Nationmöge den slavischen Brüdern in der Balkanhalbinsel die helfende Hand reichen, umsie aus den unwürdigen Sklavenbanden zu retten. Alles deutete darauf hin, daßman in Petersburg zum Krieg entschlossen sei. Um so eifriger war die Diplomatiebemüht, das gezückte Schwert noch in der Schwebe zu halten. Die europäischen Bot-Dczemär schafter einigten sich in „Vorkonferenzen" über eine Reihe von Reformen zur Ver-i8"s. besserung des Loses der Christen in der Türkei, welche die Pforte unter der Aufsichteiner europäischen Sicherheitswache von 6000 Mann in den Provinzen Bosnien,
Einwohner ohne Rücksicht auf Religion oder Abstammung gleiches Recht und Gerichthaben und ein gesetzgebendes Parlament aus Abgeordneten aller Reichsländer insLeben treten sollte. Auf Grund dieses Verfassungsentwurfs, der am Tage der Er-