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Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung / Georg Weber
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581
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F. 662. Der Gang des geschichtlichen Lebens seit dem Frankfurter Frieden. 581

oder Zugeständnisse von so eingreifender Beschaffenheit ohne Mitwirkung der National-vertretung verliehen werden. Damit war die Wirksamkeit der Konferenz lahm gelegtund Rußland schickte sich bereits an, im Namen Europas die Ausführung des Bot-schafter-Programmes mit den Waffen zu erzwingen. Als die Pforte die Forderungendes Botschafterrates, daß die Reformen in den Balkanländern unter der Kontrolle undBürgschaft der europäischen Mächte vor sich gehen sollten, zurückwies und ihrevölker-rechtliche Unabhängigkeit" behauptete, wurde die Konferenz durch den Marquis vonSalisbury für aufgelöst erklärt, worauf sämtliche Botschafter einzeln die Hauptstadtam goldenen Horn verließen. In Rußland drängte nunmehr die panslavistischePartei zur energischen Aktion und Kaiser Alexander glaubte dieser nationalen Strö-mung folgen zu müssen.

8- 662. Der russisch-türkische Krieg. Nun beschloß Kaiser Alexander ausdem politischen Halbdunkel herauszutreten und den diplomatischen Knoten mit demSchwerte zu zerhauen. In der zweiten Hälfte des April verließ er seine Hauptstadtund traf am 23. bei der Armee in Kischenew ein. In der Nacht erfolgte der Über-^Ap-ugang größerer Heeresmassen über den Pruth an drei verschiedenen Stellen, um krafteiner mit dem türkischen Tributärstaat Rumänien abgeschlossenen Durchgangs-Kon-vention auf die Donau loszurücken. Mit Zustimmung der Kammern erklärte sichFürst Karl von Rumänien für unabhängig und zog bald darauf an der Spitze seinesHeeres ins Feld, um vereinigt mit den Russen den Groß-Sultan, seinen bisherigenOberherrn, zu bekämpfen. Um dieselbe Zeit rückten andere russische Heerabteilungenin Asien über die türkische Grenze, nahmen Bajasid ohne Schwertstreich und erstürm-ten Ardachan. Dank der Saumseligkeit des türkischen Oberbefehlshabers Abdul Kerimsetzten die russischen Truppen, ohne auf große Hindernisse zu stoßen, auf Booten undeiner Schiffbrücke bei Galacz über die Donau und bemächtigten sich mehrerer sesten End-Orte in der Dobrudscha. Eben so leicht überschritt das Hauptheer von Simnitza 2»nt.nach Sistowa die Donau und nötigte die Türken, sich teils nach Nikopoli, teils nachTirnowa, der alten Hauptstadt Bulgariens, zurückzuziehen. In den ersten Tagen desJuli waren die Russen im Besitze alles Landes von Sistowa bis Gabrowa am Fußedes Schipkapasses über den Balkan, so daß Großfürst Nikolaus sein Hauptquartiernach Tirnowa verlegen und Fürst Tscherkaßky, das Haupt der Panslavisten-Parteiin Moskau, die Reorganisation der Verwaltung Bulgariens vornehmen konnte. Jetztwurde auch die wichtige Donaufestung Nikopoli zur Kapitulation gezwungen; und als r«. JE.die Generale Gurko und Mirski nach scharfen Kämpfen mit den Truppen ReoufPaschas den Schipkapaß in Besitz nahmen, als im Süden des Balkan ihre raschen es. JE.Reiterscharen bis in die Nähe von Adrianopel und Philippopel vordrangen, da hattees den Anschein, als ob der Feldzug in wenigen Wochen zu Ende sein und die Russenin Konstantinopel einziehen würden. Ist denn das Osmanenreich auch im Kriegs-wesen von seiner alten Kraft und Tüchtigkeit so sehr herabgesunken und entartet, daßes durch einen Schlag niedergeschmettert werden kann? So fragte das erstaunte Eu-ropa. Allein es trat bald eine Wendung ein. Die Schuld an den bisherigen Un-fällen trugen allein der Oberbefehlshaber und der Kriegsrat in Konstantinopel, diemit der gewöhnlichen orientalischen Trägheit unterlassen hatten, dem drohenden Sturmmit rechtzeitigen Vorkehrungen zu begegnen. Bald änderte sich die Lage der Dinge,als der Oberbefehlshaber Abdul Kerim und der Kriegsminister Redif Pascha ihrerStellen entsetzt und auf die Insel Lemnos verbannt wurden, als Mehemed AliPascha, der Abkömmling einer einst nach Magdeburg ausgewanderten Hugenotten-familie Detroit, das Oberkommando über die Donauarmee erhielt, als der energischeOsman Pascha, bisher Kommandant von Widdin, die von Hügeln umgebene StadtPlewna in Besitz nahm und durch Schanzwerke zu einem festen Standort machte.Vergebens versuchte General Krüdener die Türken aus ihren wohlverschanzten ^Stellungen zu werfen und sich der Stadt zu bemächtigen: nach einer mörderischen iM.