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4. Da sprach nach rechts der Kaiser mild: „Habt Dank, ihr frommen Knaben,Ihr sollt in mir den gnäd'gen Herrn, den güt'gen Vater haben;
Und ob ihr armer Leute Kind und Knechtessohne seid,
In meinem Reiche gilt der Mann, und nicht des Mannes Kleid."
5. Dann blitzt sein Blick zur Linken hin, wie Donner klang sein Tadel:
„Ihr Taugenichtse bessert euch, ihr schändet euer» Adel!
Ihr feinen Püppchen trotzet nicht auf euer Milchgesicht,
Ich frage nach des Manns Verdienst, nach seinem Namen nicht."
6. Da sah man manches Kindcraug in frohem Glänze leuchten.
Und manches stumm zu Boden sehn, und manches still sich feuchten.
Und als man aus der Schule kam, da wurde viel erzählt:
Wen heute Kaiser Karl belobt, und wen er ausgeschmält.
7. Und wie's der große Kaiser hielt, so soll man's allzeit haltenIm Schulhorts mit dem kleinen Volk, im Staate mit den Alten:
Den Platz »ach Kunst und nicht nach Gunst, den Stand nach dem Verstand,So steht es in der Schule wohl und gut im Vaterland.
Der Kaiser Karl war auch bemüht, selbst so viel als möglich zulernen. Noch in seinem vierzigsten Lebensjahre begann er, dasSchreiben zu erlernen, und wenn er einmal des Nachts nicht schlafenkonnte, nahm er sein Schreibtäflein hervor, um sich zu üben. Freilichward es ihm sauer, und er meinte, seine schwere Hand sei mehr ge-schickt, das wuchtige Schwert zu führen, als den leichten Griffel.Lateinisch konnte er nicht nur verstehen, sondern auch sprechen;Griechisch aber konnte er nur verstehen. Ein lehrreiches Gespräch mitden zahlreichen Gelehrten, die er an seinen Hof gezogen hatte, warihm die liebste Unterhaltung.
In der Hofschule, aus welcher einst die Beamten des Kaisers,die Gau- und Sendgrafen, die Schreiber, die Berwalter der königlichenGüter hervorgehen sollten, wurden die Knaben im Lesen und Schreiben,im Rechnen und in verschiedenen Wissenschaften unterrichtet, undin den Klosterschnlen wurden die zukünftigen Geistlichen zur Predigtund Lehre der christlichen Wahrheit vorbereitet. Ganz ohne Unter-weisung sollte aber nach des Kaisers Willen keiner seiner Unter-thanen bleiben, und wenn es auch noch nicht Schulen gab, in welchenalle Kinder lesen und schreiben lernten, so sollten doch die Geistlichenwenigstens dafür sorgen, daß alle Kinder das christliche Glaubens-bekenntnis und das Vaterunser durch Vor- und Nachsagen auswendiglernten. Das war auch bei vielen Erwachsenen noch nötig, und derKaiser gab den Bischöfen und Grafen sogar die Gewalt, Erwachsene,die das nicht lernen wollten, dadurch zu strafen, daß ihnen außerWasser jedes Getränk entzogen wurde, bis sie es gelernt hatten, oderauch sie zu schlagen. Das Gesetz, welches er deshalb erließ, schloß mitden Worten: „Daß dies durchgesetzt werde, dafür sollen unsere Send-boten in Gemeinschaft mit den Bischöfen sorgen. Sollte aber jemanddagegen etwas einzuwenden wagen, so soll er vor uns geführt werden."