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Allgemeine Geschichte für Sekundar-, Real- und Mittelschulen / Wilhelm Oechsli
Entstehung
Seite
282
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bliken, wie Holland und die Schweiz, der fürstliche Des- potismus oder Absolutismus, d. h. die schrankenlose All-gewalt der Monarchen, die allgemeine Staatsform inEuropa geworden. Es war das in gewisser Beziehung einFortschritt gegen früher zu nennen. Im Mittelalter hatteder Staat nur geringe Macht besessen. Die Adeligen hattenauf ihren Burgen den Gesetzen getrotzt, jede Stadt hattenur für sich gelebt und die Landesregierungen warenkaum im stände gewesen, Raub und Fehde zu verhüten,geschweige denn große Werke zum Wohl des Ganzen zuvollbringen. Jetzt hatte mit den Fürsten der Staat un-endlich mehr Kraft und Stärke bekommen. Die ver-schiedenen Stände und Landesteile hatten gelernt, sichals Glieder eines großen Ganzen zu fühlen und für dessenWohlfahrt und Wachstum Opfer zu bringen. Aber dieserFortschritt war durch einen schwerwiegenden Rückschritterkauft worden, durch den Verlust jeglicher Freiheit,überall waren die Reichstage oder Ständeversamm-lungen, die früher von den Herrschern in wichtigen Din-gen befragt worden waren, verscliwu n d c n oder ihrerMacht beraubt. Jede Teilnahme des Volkes am öffent-lichen Leben hatte aufgehört. Es war nur noch einewillenlose Masse, die vom König und seinen Beamten einerSchafherde gleich regiert wurde. Früher hatten Provin-zen, Städte und Gemeinden Dinge, die sie allein angingen,von sich aus beschlossen und besorgt. Jetzt entschieddie Willkür eines fürstlichen Beamten, ob das Dorf eineBrücke, die Stadt ein öffentliches Gebäude, die Provinzeine Straße haben dürfe. Alles wurde von oben herabkommandiert, in alles hinein regiert. Die Art der Kleider,die Länge der Perrücken, die Beschaffenheit der zu fabri-zierenden Gewebe, alles wurde von der Regierung vor-geschrieben und geregelt. Nach Belieben verfügten dieFürsten über Leben, Freiheit und Eigentum ihrer Unter-Lmen. Niemand wußte, ob er nicht von heute auf morgenaus den Armen der Seinen gerissen wurde und hinterKerkermauern verschwand, weil er aus irgend einem