Band 
I. Teil. Von der germanischen Urzeit bis zur französischen Revolution.
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Georg Steinhaufen.

klären), fanatische Quälereien von Gefangenen wie überhaupt der maß-lose Haß gegen den Feind gleichermaßen. Züge andererseits wie das Tötenvon Greisen, das Aussetzen von Kindern finden sich auch bei den Griechenund Römern sowie bei andern Völkern und entsprechen wieder durchauseiner Stufe, der weichere Gefühle fern liegen. Ebenso ist im Grunde dasInstitut der Menschenopfer selbstverständlich, obwohl man aus Be-geisterung für die Vorfahren diesen Brauch möglichst zu leugnen suchtund ihn nur für die Nordgermanen zugeben möchte. Was Cäsar von denGalliern berichtet, bestätigen Tacitus und andere für die Germanen.Von den Sachsen werden noch im 5. Jahrhundert Gefangene geopfert.Für die Nordgermanen aber gehen derartige Zeugnisse noch tief insMittelalter. Keineswegs handelte es sich bei solchen Opfern immer nurum das Schlachten von Gefangenen wie nach der Schlacht im Teuto-burger Walde. Das war ein Opfer, das wohl auf einem Gelübde vor demKampf beruhte. Im übrigen ist das Menschenopfer ein Brauch, der sichüberall bei den Jndogermanen findet und dessen Milderung dann die Ab-führung in die Sklaverei darstellt. Der anscheinende Mangel an Gefühls-weichheit, der sich hier ausspricht, tritt auch sonst hervor. Aber wieder sinddie Grausamkeit des Vaters gegen das leibliche Kind, wenn es gefrevelthatte, die Todesverachtung, dieHeldenhärte im Unglück und, was sonst etwaanzuführen wäre, auch bei anderen Völkern auf ähnlicher Stufe zu finden.

Nicht zu deu wilden, aber zu den die Südländer abstoßenden Zügengehörte die germanische Trinklust oder, richtiger bezeichnet — denn mandarf diese Erscheinung nicht nur in Scheffelscher Verklärung sehen —die Trunksucht. Das „Tag und Nacht fortgesetzte Trinken" (Tacitus)mochte jenen ungeheuerlich erscheinen: aber wenn irgend etwas für dieGlaubwürdigkeit der Taciteischen Nachrichten überhaupt spricht, so ist esdie wiederholte Hervorhebung gerade dieses Zuges. Auch wird er fürGoten, Alemannen, Angelsachsen, Langobarden, Heruler usw. bestätigt;am empörtesten zeigte sich später Venantius Fortunatus über die Gelageder Franken. Der Zug ist zwar Gemeingut nördlicher Völker,wieder z. B. der Kelten, der alten Preußen, weiter anderer Jndogerma-nen, der Thraker, Inder, Jranier, aber in seiner ganzen Ausprägungdurchaus nationalgermanisch — das lehren noch die folgenden Jahr-hunderte, das lehrt noch die Gegenwart. Ob man diesen Zug auf einklimatisch bedingtes „inneres Feuchtigkeitsbedürfnis" zurückführen darf,steht dahin. Die Eigenart des Trinklebens aber erschöpft sich nicht in derallerdings charakteristischen Maßlosigkeit, die sich auch im Essen zeigt. Eswird vielmehr von demjenigen, das die angelsächsischen und nordischenDichtungen, z. B. der Beowulf, schildern, nicht allzusehr verschieden ge-wesen sein. Auch das Zutrinken wird man in frühe Zeiten zurückver-legen dürfen: nach der Schilderung des Priscus vom Hofe des Attilamußten die Gäste z. B. den Becher, aus dem ihnen der Wirt oder dieWirtin zutrank, leeren. Und ebenso ist das Minnetrinken zum Gedächtnis