Band 
I. Teil. Von der germanischen Urzeit bis zur französischen Revolution.
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Karl Lamprecht.

und Vergewaltigung waren Begriffe, deren sittliche Konsequenzen maninfolge des eigentümlichen rechtlichen Baues der Ehe nur gegenüber demschwächeren Geschlechte zog. Vermutlich erlaubten es Reste solcher An-schauungen Karl dem Großen, dem Verkehr bevorzugter Edler mit seinenTöchtern eine Freiheit zu gestatten, die heut unbegreiflich erscheint. Werkennt nicht die Sage von Einhard und Emma? Sie könnte, wenn auchmit veränderten Namen, auf Wahrheit beruhen. Denn sicher unter-hielt die zweite uns bekannte Tochter Karls, Bertha, mit dem schönenFranken Angilbert einen Liebesbund, dem zwei Söhne, Hartnit und derGeschichtschreiber der Zeit Ludwigs des Frommen, Nithart, entspros-sen sind.

Dabei war aber das Familienleben des großen Kaisers keineswegsverwirrt und wechselnden Einflüssen preisgegeben. Es ging national klarund einfach her; die Söhne lernten schon von früh auf reiten, zogen zurJagd und führten die Waffen in Spiel und Übung; die Töchter saßen amSpinnrocken und wirkten wollenes Gewand nach alter Sitte. Neu warnur der gleichmäßige Unterricht des weiblichen wie männlichen Teilsder Familie in den freien Künsten der antiken Überlieferung.

Es ist natürlich, daß eine solche Lebenshaltung auf engen Zusam-menhang der Familie ebenso hinwirken mußte, wie sie von ihm ausging.Freilich nur selten sieht man aus der Perspektive eines Jahrtausends indie verborgenen Falten deutschen Gemütes überhaupt, noch weniger,wenn jede gemütliche Regung verdeckt erscheint durch den glänzendenZwang eines ersten deutsch-kaiserlichen Regimentes. Gleichwohl gibtes Züge im Leben Karls, die auch heute noch überzeugungsvoll aus-sprechen, was das Familienleben ihm war. Keiner wohl mehr als seineerschütternde Trauer nach dem Tode seiner besten Söhne im Jahre 810.Schon als Pippin, der zweite Sohn, starb, verlor der Kaiser in einemGrade die Fassung, wie es sein Biograph Einhard sonst nie an ihm be-obachtet hatte. Als aber nach dem herben Verluste Pippins am Schlüssedes gleichen Jahres gar Karl dahinsank, der ältere, der Lieblingssohn desKaisers, auf den er alle Hoffnungen und Pläne gerichtet hatte, da be-gann der alternde Herrscher fast schwermütig zu werden; er sprach davon,sich in die Einsamkeit eines Klosters zurückzuziehen; der Gedanke deseigenen Hinscheidend umschwebte ihn, und trüber Stimmung bestellteer im Testamente des Jahres 812 Haus und Reich.

So innig und einfach das Familienleben dahinfloß, so wenig fülltees das Dasein des Kaisers auch in gewöhnlichen Stunden aus. Zur Aus-münzung des Glückes müßiger Tage war das Leben des mittelalterlichenHerrschers überhaupt noch viel weniger geeignet als das der Königespäterer Zeiten. Der Luxusbegriff des Mittelalters, wie jeder Kultur,die sich durch billige Arbeitskräfte auszeichnet, stellte den König unterden Bann einer,unerträglich,ausgedehnten, fortwährend persönliche An-forderungen stellenden Gefolg- und Dienerschaft: es galt als vornehm,