Vorn Rittertum.
Von Gustav Freytag.
Wer von seinen Eltem für Ritterschaft bestimmt war, der wurdegern als Knabe auf den Hof eines Edlen gebracht, um die Zucht zu lernen,welche den höfischen Mann von dem bäurischen unterschied. Hier tat erals Kind Pagendienst, bildete einen Teil des Gefolges, wartete dem Herrnoder der Frau auf bei Tische und in der Kammer und stand an großenHöfen mit seinen Altersgenossen unter einem Hüter, dem er bei derAnnahme wohl ein Geschenk gab.*)
Uralter Brauch war den deutschen wie anderen indogermanischenVölkern, daß sich nach freier Wahl zwei Kinder oder Gesellen aneinanderbanden, sie besiegelten die Bundesbrüderschaft durch Gelöbnis und ge-weihten Trank. Solch innige Verbindung zweier Männer begegnet einigeMale in der deutschen Heldensage, Spuren davon haben sich im Volk biszur Neuzeit erhalten. Es mag mit dieser Sitte zusammenhängen, daßim Hofhält häufig je zwei der Dienenden gesellt wurden, sie aßen auseiner Schüssel, erhielten zusammen ihren Trunk und schliefen oft aufdemselben Bett.
Die Zucht, welche der Knabe erlernte, war zunächst gesittetes Ver-halten in Rede und Haltung, vor allem beim Essen und Trinken. Zahl-reiche Lehren, welche zum größten Teil aus frühem Mittelalter stammen,wurden in Verse gefügt und auswendig gelernt.**) Die „Tischzuchten"z. B. befahlen: man soll hübsch die Nägel beschneiden — was auch des-halb wünschenswert war, weil man vor dem fünfzehnten Jahrhundertkeine Gabeln gebrauchte und den Fingern bei Tische dreiste Eingriffenicht wehren konnte; — man soll vor dem Essen sagen: „Segne es JesusChrist," soll am Tische nicht den Gürtel vom Bauch schnallen, nicht dasBrot beim Schneiden an die Brust stemmen, nicht mit dem Finger in Senf,Salz und in die Schüssel stoßen, sondem die Speisen, die man aus derSchüssel holt, mit einem Löffel oder einer Brotkruste anfassen, die manvorher mit der Hand und nicht mit dem Munde zugespitzt hat; wer die
*) In Bertolts Gedicht Crane ist dies Geschenk dreier Königskinder Spangeund Fingerring.
**) Fr- Zarncke, Der deutsche Cato — des Tanhausers Hofzucht, Haupt,Zeitschrift VI, S. 48S.