Friedrichs des Großen Wesen und geschichtliche Stellung. 165
Daß die bewegenden Ideen seines Jahrhunderts mit ihm denThron bestiegen, hier an weithin sichtbarer Stelle sich entfalten, sich be-tätigen und bewähren durften, wurde von vorbildlicher Bedeutung.In Österreich, in den Klein- und Mittelstaaten des Reiches und weitüber Deutschlands Grenzen hinaus bis zur Newa und zum Tajo machtesich der Geist des Friederizianischen Regimentes in segensreichster Weisefühlbar. Niemand wird heute mehr das ungerechte, unverständige UrteilCarlyles unterschreiben wollen, der im achtzehnten Jahrhundert wesent-lich die Lüge und die Heuchelei herrschen sah und Friedrich in geradenGegensatz dazu stellte. In Wahrheit ließ er sich von der alles fortreißen-den Gedankenströmung seiner Zeit, welche der Menschheit die Auf-klärung, den Fortschritt, das Glück bringen wollte, gern'und willig tragen,mit planvoller Absicht leitete er sie zuerst in das Bett des staatlichen Le-bens. An der beseligenden Stimmung, an den idyllischen Freuden, dieseinem Jahrhundert eigentümlich sind, hat er freilich nur einen kargenAnteil gehabt, so sehr er auch dazu geschaffen war, sie zu genießen. DieSchwere seiner königlichen Pflichten, die Stürme seiner Regierunghielten ihn in zu starker Spannung und Unruhe.
Friedrichs überragende zeitgeschichtliche Stellung verknüpft sichaufs engste mit seiner abschließenden Bedeutung für eine Weltepoche.Er gehört zu jenen wenigen Großen der Geschichte, welche die Summeder Ideen und Strebungen ihrer Zeit zusammenfassen und die damitzugleich eine große historische Entwicklungsreihe beenden oder einleiten,wie Alexander der Große die hellenistische Zeit, Cäsar die römischeWeltherrschaft, Karl der Große das mittelalterliche Imperium undNapoleon die Revolution. Das Zeitalter des Absolutismus, in demdurch drei Jahrhunderte hindurch die Ausbildung der zentralen Staats-gewalt und ihre Vereinigung in einer Hand sich in stetem stufenweisenAufbau vollzieht, das in den Tagen Ludwigs XI. von Frankreich undJsabellas der Katholischen einsetzt, durch die Enge der Konfession und dieSchranken des Hofes zur weltumspannenden Weite des erleuchtetenDespoten emporftrhrt, findet im Regimente Friedrichs des Großen seineKrönung. Mit diesem Höhepunkt hat die Entwicklung ihre Kraft erschöpft,sie hat sich ausgegeben und ausgelebt. Nicht in der Steigerung derMachttendenzen des Staates, die heute noch umfassender, eindringlicher,bindender wirken als vor hundertundfünfzig Jahren, wohl aber in derForm der Staatsleitung, an der die Untertanen nunmehr ihren Anteilbegehren und erhalten. Wenige Jahre nach Friedrichs Tode bricht dieneue Epoche an. Die Mächte der Tiefe werden lebendig, die Massen desVolkes setzen sich in Bewegung, die souveräne Gewalt wird demokratisch.Angesichts der allgemeinen Verfluchung, des nivellierenden Zuges, den dieEntwicklung der Menschheit seitdem genommen, erscheint Friedrichs Ge-statt noch gewaltiger und ragender. Über die Meeresfläche der modernenMassenherrschaft grüßt sie wie ein Leuchtturm vorn jenseitigen Gestade.