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ihrem Rechte, sondern zeigte den Mut und die Standhamg-kcit eines Mannes. Mochte sie auf dem Reichstag zu Preß-bnrg auch weinen, da sie die Ungarn um Hilfe gegen Fried-rich anflehte; es waren keine Tranen der Verzagtheit oderVerzweiflung. Aber mit diesem männlichen Sinne verbandsie alle Tugenden einer sanften Frau und zärtlichen Mutter.
Mil dlätigkeit war ihr zur Gewohnheit, ja, zur Leiden-schaft geworden, so daß sie einst gegen ihren Sohn Josephäußerte: „Man muß mich töten, wenn man mich hindernwill, Wohltaten zu erzeigen." Ihre Dienerschaft behandeltesie äußerst freundlich; doch wußte sie mit der Güte eine edleHoheit zu verbinden. Frohe Menschen um sich zu sehen,andere» Freude zu bereiten, war ihrem Herzen ein Bedürfnis.
Ihre Kinder erzog die Kaiserin milder größten Sorg-falt. Sie war zugleich strenge und zärtlich gegen sie, und esfehlte ebensowenig an Belehrung als an Strafe. Die Re-ligion stärkte sie in ihrem vielseitigen Berufe. Die ersteZeit des Tages widmete sie dem Gebete. Täglich wohnte siezwei heiligen Messen bei und betrachtete das göttliche Wort.
Die große Fürstin war auch überaus tätig. Im Sommerstand sie um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr auf. Nach demGottesdienste frühstückte sie und arbeitete bis nenn Uhr.Jeden Morgen um zehn Uhr war es jeglichem Privatmanngestattet, seine Bittschrift einzureichen.
Marin Theresia starb am 29. November 1780. „Wohlniemals," sagt ein Lcbcnsbcschrcibcr, „hat eine Fran gelebt,die zugleich größer auf dem Throne und makelloser im Pri-vatleben gewesen wäre, als Maria Theresia." Eine ihrerTöchter war auch die so unglückliche Maria Antvinette, Kö-nigin von Frankreich, von welcher wir noch hören werden.
2. Joseph U. (1780—1790). Um so tätiger war i?8vJoseph II. als Alleinherrscher seit dem Jahre 1780. Joseph II.gilt als ein Hauptvertretcr der „Aufklärung". Er wollte'nicht bloß den Staat, sondern auch die Kirche regieren. Er hobKlöster auf, ordnete den Gottesdienst nach seinem Gutdünken,führte für päpstliche und bischöfliche Erlasse die kaiserliche Ge-nehmigung ein u. s. w. Umsonst reiste der Papst selbst zuihm nach Wien, um ihn von solchen Schritten abzuhalten.
Der Kaiser nahm ihn zwar sehr freundlich auf, kümmertesich .aber im übrigen wenig um ihn.