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unter dem Rufe: „Brotl Brot! — Nach Versailles, nach Versailles!"Die Banden waren teils zu Fuß, teils zu Pferd und Wagen, fall allebetrunken. Auf dem Wege wetzten sie an den Straßensteinen ihre Messer,um mit diesen, wie sie sagten, die Königin zu zerfleischen. Gegen 3 Uhrnachmittags rückten sie berauscht und von dem Regen triefend ein undtraten in den Saal der Nationalversammlung, laut nach Brot schreiend.
Vergebens suchte man, die Rotte hier zu beruhigen. Der Präsidentmußte sogar einige Weiber ins Schloß zum Könige sichren, der ihnengütige Versprechungen gab. Gegen Mitternacht traf Lafayette mit derNalionalgarde ein. Doch am andern Morgen gelang es den Anführerndes Zuges trotz allem, in das Innere des Schlosses zu dringen. Sie er-stachen aus der Marmortreppe die wachehaltenden Leibgardisten und stürmtenzum Schlasgemach der Königin. Dieser gelang es mit genauer Not, zuentrinnen. Gleich darauf aber drangen Weiber mit Schlachtmessern inihr Gemach und durchstachen das Verlassene. Nun wandte sich die Wutdes Pöbels gegen die herbeigeeilte Garde. Schon wurden die Köpfe voneinigen ermordeten Gardisten auf Stangen durch die Straßen getragen, daerschien der König auf dem Balkon des Schlosses und flehte um Gnade fürseine Garde. Dies half. Der Pöbel, für den Augenblick gerührt, rief: „Eslebe der König! Er gebe uns Brot und verlasse seine Kinder nicht!" Baldertönte der Ruf: „Der König nach Paris!" Lafayette riet dem Könige,nachzugeben. Ludwig betrat hierauf zum zweitenmal den Balkon. „MeineKnider," so sagte er, „ihr wollt, daß ich euch nach Paris folge. Ich willigeein, aber unter der Bedingung, daß ich mich nicht trenne von meinerGattin und den Kindern, und daß den Leibgarden kein Leid geschieht."Die Menge erwiderte: „Es lebe der König! Es leben die Leibgarden!"Flinten wurden abgeschossen zum Zeichen der Freude.
Jetzt will man auch die Königin sehen. Lafayette geleitet sie aufden Balkon. In edler Hoheit steht sie da, die Arme über die Brust ge-kreuzt, wie ein Opfer, das zum Tode bereit ist. Die erhabene Größe inihrer Erscheinung ersaßt die Herzen; der Haß verstummt. Die Bewun-derung eutrmgt allen ein brausendes: „Es lebe die Köniain!" Kanonen-donner verkündet den Sieg der Pariser über die Monarchie, welche sichzu ihrem Todesgange anschickt.
Um 1 Uhr hat der König mit seiner Gemahlin, den Kindern undseiner Schwester Elisabeth den Wagen bestiegen. Der Weibertroß unddie Nationalgardeu begleiteten ihn. Vor dem Wagen trug man auf Stangendie Köpfe der ermordeten Gardisten. Hinter ihm folgten fünfzig Wageninit Korn und Mehl. Die Weiber saßen auf den Kanonen, andere trugenjunge Bäume, an deren Zweigen Brote hingen. Beim Einzüge riefensie den Parisern zu: „Hier bringen wir euch den Bäcker, die Bäckers-frau und den kleinen Bäckerburschen." Ja, als der König aus dem Wagenstieg, ertönte schon vereinzelt der Ruf: „An die Laterne!" — Am 19Oktober verlegte auch die Nationalversammlung ihren Sitz nach Paris:
7. Iieue Schwierigkeiten. Unterdessen kam der Jahres-tag der Erstürmung der Pastille. Auf dem Marsfelde inParis wurde ein großartiges Bcrbrüderungsfest gefeiert. Esschien für den Augenblick, als würde alles doch noch einen