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diesen Regungen einer lebendigeren Frömmigkeit trat aber auch, vornehmlich unter denhöheren Ständen, mehr und mehr Gleichgültigkeit gegen die Kirche und selbst Abfallvon den Lehren des Christentums ein. Zuerst in England bekämpften sogenannteFreigeister den alten Bibelglauben; dann verbreitete sich von Frankreich aus, wodie Angriffe auf die christliche Religion bis zur Verspottung derselben ausgeartetwaren, allmählich auch über Deutschland, das sich sklavisch an das französische Wesenhingab, der Widerspruch gegen die christliche Lehre. Der Abfall von dem Altherge-brachten, die neue Aufklärung — wie man den vorzüglich im Zeitalter Friedrichsdes Großen eingetretenen Umschwung im gesamten geistigen Leben der Nation benannte —verirrte sich jedoch hier nicht in gänzliche Losreißung vom Christentum; man raubteaber dem christlichen Glauben seinen Kern, indem man vorgab, ihn von veralteten Be-standteilen zu reinigen; man schwächte das Christentum zu einer bloßen Sitten- undGlückseligkeitslehre ab. Neben den Vertretern dieser Richtung hatte indes auch derGlaube der Väter seine Verteidiger, und Männer, wie Hamann, Lavater, Jung-Stilling und Claudius waren in der glaubenslosen Zeit eifrige Zeugen für dieHerrlichkeit des alten Christentums.
2. Der katholischen Kirche wurden für die Verluste, welche sie durch dieReformation erlitten hatte, neue ausgedehnte Gebiete in Amerika, Indien und China,namentlich durch die Thätigkeit geistlicher Orden, unterworsen. Als neue Orden ent-standen, außer den schon im 16. Jahrhundert gestifteten volkstümlichen Kapuzinern,im 17. Jahrhundert die strengen Trappisten, die für Krankenpflege thätigen barm-herzigen Schwestern (Stifter Vincenz von Paula), die Brüder der christlichenSchulen u. a. Eine Hauptstütze ihrer Macht fand die Kirche an den Jesuiten (8 96, 5).Wie sich dieselbe» vor allen andern Orden durch Thätigkeit im Missionswerke hervor-thaten, so wirkten sie insbesondere auch der Ausbreitung der evangelischen Kirche mitErfolg entgegen und übten durch Seelsorge und Jugendunterricht, wie durch welt-männische Bildung und Gewandtheit den entschiedensten Einfluß .in Staat und Kircheaus. Ihr Eindringen in alle Lebensverhältnisse, ihre steigende Herrschsucht und miß-brauchte Macht erschütterte jedoch allmählich ihr Ansehen, und der Geist der neuen„Aufklärung" forderte vor allem ihren Sturz. Zuerst aus Portugal, dann aus Frank-reich und Spanien vertrieben, wurde der Orden endlich vom Papste Cleyiens XIV.(Ganganelli) 1773 förmlich aufgehoben, um „den wahren und dauerhaften Frieden derKirche wiederherzustellen".
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Kulturzustände.
(Vergl. ZZ 103 und 104, 6.)
V. Kunst und Wissenschaft.
Wenn in der vorigen Periode Italien durch seine Bildung hervor-ragte, und auch die südwestlichen Staaten Europas, Spanien und Por-tugal, eine Blütezeit ihrer Litteratur hatten (Z 103, 2), so treten dieseLänder seitdem mehr zurück, und Frankreich, England und Deutsch -