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Grundriss der Weltgeschichte für höhere Lehranstalten / von J. C. Andrä
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tums und Wesens der deutschen Sprache, wie der alten Dichtung, Sage und Sitte unseresVolkes erwarben sich vor allen die Bruder Jakob und Wilhelm Grimm. Eine Anzahltüchtiger Gelehrten schloß sich ihnen in gleicher Arbeit an; Simrocks treffliche Über-setzungen des Nibelungenliedes und vieler andern mittelalterlichen Dichtungen in die neu-deutsche Sprache sind Früchte dieser Forschungen.

2. Als neue Wissenschaft wurde, auf Anregung des vielseitig gelehrten WilhelmVon Humboldt, die vergleichende Sprachforschung durch Bopp begründet, dieschon manche bedeutenden Ergebnisse für die Völkergeschichte geliefert hat. Sie ging vor-zugsweise aus von dem Studium des Sanskrit, d. h. der altindischen Sprache undLitteratur, eine Wissenschaft, die in Deutschland zuerst durch die Brüder Schlegel an-gebahnt, von einer Reihe hervorragender Forscher mit Eifer und Erfolg betrieben wird.

Neben dem Sanskrit wurden auch die Sprachen, sowie die Religionen der übrigenVölker des Orients durchforscht, insbesondere die großartigen und zahlreichen Denk-mäler der altägyptischen Kultur durch Gelehrte wie Lepsius u. a. mehr und mehraufgehellt.

3. DierömischeGeschichte erfuhr eine völlige Umgestaltung durch Niebuhr, derdurch selbständige, geistvolle Forschung und durch tiefere Auffassung des Staatswesensder Begründer einer vollkommneren wissenschaftlichen Geschichtschreibung wurde. Ihrengrößten Meister aber hatte die Geschichtschreibung in Ranke (17951886), dessen zahlreichehistorische Werke auch durch Schönheit der Darstellung sich auszeichnen. Neben ihm undNiebuhr sind als verdienstvolle Geschichtsforscher hervorzuheben: S chlosser (Geschichtedes 18. Jahrhunderts, und: Weltgeschichte), Räumer (Geschichteder Hohenstaufen), vonSybel (Geschichte der Revolutionszeit), Giesebrecht(Geschichte der deutschen Kaiser-zeit), Gervinus (Geschichte der deutschen Dichtung), Duncker (Geschichte des Altertums),Mommsen (Römische Geschichte), Häusser (Deutsche Geschichte vom Tode Friedrichsdes Großen), von Treitschke (Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert).

4. Die Geographie wurde durch Karl Ritter, den Schöpfer dervergleichendenErdkunde', zu einer selbständigen Wissenschaft erhoben. Eine große Anzahl wissenschaft-licher Reisen (wie die A. von Humboldts und in der neuesten Zeit namentlich die Nord-polfahrten und die Reisen durch dendunkeln Erdteil" Afrika) hat diesem Gebiete derForschung neue unermeßliche Räume geöffnet.

5. Unter den Naturwissenschaften macht die Astronomie immer weitereFortschritte in der Kenntnis derWunder des Himmels". Die Chemie wurde nament-lich durch die ergebnisreichen Forschungen und wichtigen Entdeckungen Licbigs weiter-gebildet. Die Physik erzielte durch die Bearbeitung der Lehre von der Elektrizität unddem Magnetismus großartige Erfolge, die, wie jene Entdeckungen der Chemie, vielfachneugestaltend in unsere Lebensverhältnifse eingegriffen haben. Auch den übrigen Zweigender Naturkunde fehlten weder treffliche Meister noch treffliche Früchte. Die gesamte Fülleaber des Naturwissens zu überschauen und zu verbinden,die Erscheinungen der körper-lichen Dinge in ihrem allgemeinen Zusammenhange, die Natur als ein durch innere Kräftebewegtes und belebtes Ganzes aufzufassen" das war, mit seinen eigenen Worten aus-gedrückt, die hohe Aufgabe, welche Alexander von Humboldt (17691859), Wilhelm vonHumboldts jüngerer Bruder, unternahm und in seiner berühmtenphysischen Weltbe-schreibung", die er Kosmos " nannte, auszuführen suchte. Man hat ihn als den größtenGelehrten unserer Zeit gefeiert; bis in die fernsten Länder ist sein Ruhm gedrungen.