Band 
Erster Kursus.
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Alte Geschichte.

die Werkstätte eines Handwerkers zu einer Schule der Weisheit. Man konnteihn den größten Teil des Tages an öffentlichen Orten finden. Frühmorgensbesuchte er die Hallen und Gymnasien. Nach der dritten Tagesstunde (neunUhr vormittags) war er auf dem Markt und die übrige Zeit des Tagesda, wo er die meisten Leute vermutete. Wer Lust hatte, konnte ihm zuhören,und er forderte keine Bezahlung für seinen Unterricht. „Menschen zu fangen,"wie er selbst sagte, war sein Zweck. — Dabei schlug er einen eigenen Wegein, um die anderen für feine Lehre zu gewinnen. Er ließ sich nämlich mitihnen über den bestimmten Gegenstand in ein Gespräch ein, bis durch wechsel-seitiges Fragen und Antworten die Wahrheit des einen und die Ungereimt-heit des andern klar wurde. So belehrte er einst den jungen Alcibiades,als dieser große Schüchternheit verriet, künftig vor dem Volke als Redneraufzutreten, folgender Art: „Würdest du dich Wohl fürchten, vor einemSchuster zu reden?" — „O nein!" — „Oder könnte dich ein Kupferschmiedverlegen machen? — „Nicht im geringsten!" — „Aber vor einem Kauf-mann würdest du erschrecken?" — „Eben so wenig!" — „Nun siehe," fuhrer fort, „aus solchen Leuten besteht das ganze athenische Volk. Du fürchtestden Einzelnen nicht, warum wolltest du sie versammelt fürchten?"

Seine Schüler hingen mit ganzer Seele an ihm, sie verließen sogarihre Lustbarkeiten, um uur bei ihrem teuern Lehrer zu sein. Der früher ge-Antisthenes. nannte Antisthencs ging täglich eine Stunde nach der Stadt, den SokratesEuklides, ^ hören. Ja, ein anderer wißbegieriger Jüngling, Euklid es ', kam sehroft von Megara-, vier Meilen weit, um nur einen Tag bei ihm zu sein.Und als die Athener beim Ausbruche des Krieges gegen die Megarenser,diesen unter Todesstrafe verboten, in ihre Stadt zu kommen, wagte es dennochEuklides, sich des Abends in Weibcrkleidern, auch mit Gefahr seines Lebens,durch das Thor zu schleichen, um den Sokrates zu hören.

.. . Der junge Äschines wünschte sehr, ein Schüler des Sokrates zu

Aschmes. Horden. Er scheute sich aber, ihm zu nahen, weil er arm war. Sokrates,der seinen Wunsch merkte, fragte ihn: „Warum scheust du dich vor mir?" —„Weil ich nichts habe, das ich dir geben könnte." — „Ei," erwiderte Sokrates,„schätzest du dich selbst so gering! Giebst du mir nichts, wenn du dich selbstmir giebst?" Und der Jüngling wurde ein eifriger Schüler des Sokrates. !

Eines Tages begegnete Sokrates in einem engen Durchgänge dem Leno-Xenophon. Phon. Dieser war ein schöner Jüngling, und Sokrates wünschte, ihn zumSchüler zu haben. Er hielt ihm seinen Stock vor, und der Jüngling blieb stehen.„Sage mir doch," hob Sokrates an, wo man Mehl kauft?" — „Auf dem ^Markt." — „Und Oel?" — „Eben da." — „Aber wo geht man hin, um !weise und gut zu werden?" Der Jüngling stutzte. „Folge mir," fuhr Sokrates !fort, „ich will es dir sagen!" Und beide wurden unzertrennliche Freunde. .

So hatte er täglich einen Kreis wißbegieriger Jünglinge um sich der- lsammelt, aus denen später die berühmtesten Männer wurden. Der Ruhm jOrakel zu des Sokrates verbreitete sich so weit, daß die Priester zu Delphi ihn für >Delphi, weisesten der Menschen erklärten, während er selbst behauptete: „Er wisse, ^daß er nichts wisse!" !

Trotz dieser Bescheidenheit hatte Sokrates großen Einfluß auf seine Um- !

> Euklides aus Megara, nicht zu verwechseln mit dem als „Vater der Mathematik" iberühmten Euklides aus Alexandrien; letzterer ward erst um 300 vor Chr. geboren. !

2 Megara, Hauptstadt der Landschaft Megaris, westlich von Attika (Karteil.). >