Band 
Zweiter Kursus.
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Neue Geschichte.

Thoren Wiens. Die Hauptstadt schien verloren: sie war auf keine Belagerunggefaßt; es fehlte an Geld und Soldaten. Dennoch beschloß Ferdinand, wieeinst sein Ahnherr Friedrich III. an derselben Stelle (S. 109), keinen Fußbreit zu weichen. Und seine Standhaftigkeit hatte Erfolg. Graf Thurn mußteunverrichteter Sache nach Böhmen zurückkehren, um das bedrohte Prag zu retten(S. 153 Aum. 2.), und Ferdinand begab sich hierauf nach Frankfurt, wo erzum deutschen Kaiser gewählt (28. August 1619) und gekrönt (9. September)ward. Auf dem Rückwege sprach er in München bei seinem Jugendfreunde,dem Herzoge Maximilian (S. 151 Anm. 1) ein und schloß mit ihm einenVertrag zur Rettung der katholischen Kirche und des Kaiserhauses.

Die Böhmen hatten zu Frankfurt alles gethan, um Ferdinand von derKaiserkrone fern zu halten. Da sich ihre Bemühungen vergeblich erwiesen, so^ erklärten sie ihn, als einen Erbfeind des evangelischen Glaubens, wenigstens

^Köniq ihres Thrones für verlustig. Dagegen wählten sie (5. September 1619) daso. Böhmen. Haupt der Union, den Kurfürsten Friedrich den VI von der Pfalz, zu ihremKönig und krönten ihn zu Prag (4. November). Seine Herrschaft war jedochvon kurzer Dauer. Bereits am 8. November 1620 verlor er die Schlacht amSchlacht am Hxjßen Berge ^ und damit die kaum erworbene Krone („Wintcrkönig").Vera" Binnen Jahresfrist war ganz Böhmen dem Kaiser unterworfen: der prote-1620. stantische Gottesdienst wurde verboten, der Aufstand durch Hinrichtungen undGüterkonfiskationen bestraft, der Majestätsbrief zerrissen.

Der Sieg auf dem weißen Berge verschaffte Ferdinand den Besitz allerseiner Staaten wieder, ja erhöhte sogar seine Gewalt in denselben, weil keinMajestätsbrief mehr die landesherrliche Hoheit beschränkte. Er hätte daherseine Bundesgenossen entlasten und seine Armeen zurückrufen können. Aberer gedachte, den Protestantismus wie als Fürst in seinen Erbstaatcn, so alsKaiser in ganz Deutschland ^ auszurotten, und entschied sich für Fortsetzungdes Kampfes. Auf diese Weise entstand aus einen. Aufstand in Böhmen einAusbrei- deutscher, ein europäischer Krieg. Später hatte Ferdinand noch zweimal^ Gelegenheit, den Kampf zu beschwören. Einmal, als Tilly alle Feinde (Ernst von^ ' Mansfeld, Christian von Braunschweig, Friedrich von Baden) besiegt (S. 155),und das andere Mal, als Wallenstein mit Tilly den Krieg gegen den KönigChristian den IV. von Dänemark glücklich beendet hatte (S. 156). Aber der Kaiserließ von seinem Vorhaben nicht ab, ganz Deutschland wieder katholisch zumachen, und fachte durch seine Gcwaltmaßregeln (Achtserklürung Friedrich des V.;Verleihung der pfälzischen Kurlande an Maximilian von Baiern 1623; Erlaßdes Restitutionsediktes 1629) die Kriegsfackel immer von neuem an.

Ferdinand starb am 15. Februar 1637, in einem Alter von 59 Jahren.Mit den Talenten des guten Herrschers geboren, ward er aus allzugroßem(fanatischem) Eifer für die katholische Religion ein Unterdrücker der Mensch-heit, ein Feind des Friedens, eine Geißel seiner Völker. In Böhmen z. B.zählte man beim Beginn seiner Regierung 3 Millionen Menschen, bei seinem' ' Tod kaum 800 000.

r Friedrich V., Sohn des Kurfürsten Friedrich des IV. von der Pfalz (S. 150),war durch seine Mutter ein Enkel Wilhelms von Oranien (S. 143 fs.).

2 Der weiße Berg, am linken Ufer der Moldau, 4 Kilometer westlich vomPräger Schloß, dem Hradschin.

" In Deutschland wohnten damals mehr Protestanten, als jetzt. Schon imJahre 1558 hatte ein venetianischer Gesandte berechnet, daß nur noch der zehnte Teildes deutschen Volkes dem alten Glauben ergeben sei.