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Neue Geschichte.
Preußens
Wiederge-
burt'
Scharn-
horst.
Aufruf andas preu-ßische Bolk1813.
land in einem kleinen Kahne floh, so jagte Napoleon in einem Schlitten denTrümmern seines Heeres voraus, durch die öden Schnee- und EisgefildcRußlands der Weichsel zu. Kaum 20000 von denen, welche Moskau ge-sehen, erreichten zerlumpt, krank und elend den deutschen Boden. In demUntergänge der großen Armee erkannte das niedergebeugte Europa die Handdes Allmächtigen, „der die Gewaltigen vorn Stuhle stößt und die Niedrigenerhebt". Wie Rußland griff auch Deutschland zum Schwert, um die unver-äußerlichen Stammgüter, „Freiheit und Unabhängigkeit", wieder zu gewinnen.
Allen voran ging Preußen. Seit dem Unglück von Jena (S. 198)war der König Friedrich Wilhelm III., angefeuert durch seine hochherzigeGemahlin Luise* und unterstützt von seinem Minister, dem Freiherr»vom und zum Stein, auf eine Wiedergeburt des preußischen Staats-wesens bedacht gewesen. Er hatte die Leibeigenschaft und den Dicnstzwangder Bauern aufgehoben, den Bürgern ein freies Gemeindewcsen gegeben undim Heere alle Ehrenstellen auch den Nichtadeligcn geöffnet. Hohe und Niedrigehalfen dem König bei seinem Vorhaben. Es entstand um diese Zeit dersogenannte „Tugendbnnd", mit dem Zwecke, die Deutschen zu einer allge-meinen Erhebung gegen Napoleon vorzubereiten. Zu ihm gehörten vieleStaatsmänner, Offiziere, Gelehrte; wie Arndt^, der Dichter des Liedes:„Was ist des Deutschen Vaterland'?" und der Begründer des TurnwesenS:Iahn^. Der Kriegsminister Scharnhorst schuf nach und nach ein neuesHeer, indem er zwar immer nur die vorschriftsmäßige Zahl Truppen (42 000)behielt, aber die Eingeübten schnell mit neuen vertauschte. Auch kaufte erheimlich so viele Waffen, daß er im Notfall eine bedeutende Macht aus-rüsten konnte. Alle diese Einrichtungen trugen nun ihre Früchte.
Bei der Kunde von Napoleons kläglichem Rückzüge herrschte unter denPreußen nur ein Gefühl, ein Zorn und eine Liebe, das Vaterland zu retten,Deutschland zu befreien und den französischen Übermut einzuschränken. Undals-Friedrich Wilhelm von Breslau aus (17. März 1813) sein Bolk zumKampf aufrief, da glich ganz Preußen einer großen Waffenstätte. Jüng-linge, die kaum wehrhaft waren, Männer mit silberweißen Haaren, Krieger,die längst ehrenvoll entlassen waren, Gutsbesitzer und Beamte, Väter zahl-reicher Familien und Verwalter weitläufiger Geschäfte, vom Kriegsdienste ge-setzlich frei, selbst einzelne Jungfrauen drängten sich freiwillig zu den Fahnenheran. Wer nicht mitziehen konnte, der opferte auf dem Altare des Vater-landes wenigstens sein Gut oder die Arbeit seiner Hände. Die allgemeine
* Luise, geb. 1776, Prinzessin von Mecklenburg-Strclitz, vermählte sich 1793mit Friedrich Wilhelm, dem damaligen Kronprinzen. Der Schmerz über dasSchicksal des Vaterlandes erschütterte ihre Gesundheit, und sie starb, erst 34 Jahralt, 1810 während eines Besuches bei ihrem Vater in Mecklenburg. Sie ist eine deredelsten Frauen in der Geschichte.
^ Ernst Moritz Arndt, geb. 1769 auf Rügen, wurde 1806 Professor der Ge-schichte in Greifswald, förderte durch Wort und Schrift die Erhebung Deutschlandsgegen Napoleon, siedelte sich 1817 in Bonn an, wurde aber 1819 abaesctzt und bekamerst 1810 wieder die Erlaubnis zu Vorlesungen. Er starb 1860 in Bonn.
° Friedrich Ludwig Iahn, geb. 1778 zu Lanz in Brandenburg, ist der Be-gründer der deutschen Turnknnst, indem er 1811 in der Hasenheide bei Berlin seineTurnschulc eröffnete. Er kämpfte in den Freiheitskriegen mit und wirkte dann durchVorlesungen und Turnunterricht in Berlin. Vom Jahre 1819 an wurde er als„staatsgefährlich" verfolgt und gelangte erst 1840 wieder in den Vollbesitz seinerbürgerlichen Rechte. Er starb 1852 zu Freibnrg an der Unstrut.