Zweiter Abschnitt.
Mittlere Geschichte.
43. Einleitung.
Zustand Europa's nach Untergang des weströmischen Reichs. Die Germanen-Ihre eigenartigen Schöpfungen (Lehnswesen und Ritterthum). Verdienste der Geist-lichkeit durch Ausbreitung des Christenthums und Erhaltung der griechischen undrömischen Kultur. Der römische Bischof. Kämpfe der Christen gegen die Araberund gegen die Ungläubigen in Palästina. Ausbildung der Hierarchie und Erschüt-terung derselben.
Nach Untergang des weströmischen Reichs bot Europa ein Bild gren-zenloser Verwirrung dar. Die Theile des zerstörten Reichs lagen wiegroße Trümmer umher; vom Rhein bis an das atlantische Meer, vonBritannien bis hinab nach Sicilien fehlten die Bande des Gesetzes und derOrdnung. Die Fluren waren zertreten, die Werke menschlicher Kunst ver-nichtet, die Städte in Schutt und Asche verwandelt. Alle Bildung, jedeshöhere Streben schien auf immer ertödtet. Aber wie nach einem Ungewit-ter das Bild der Sonne wieder aus den dunkeln Wolken hervorbricht, sogingen auch aus diesem trüben und verworrenen Zustande allmälig schönereZeiten für Europa auf. An die Stelle der entarteten Römer trat nun-Germanen. mehr ein zwar noch rohes, aber unverderbtes Volk, traten die Germanen-Sie strömten in Menge nach den eroberten Ländern und gründeten da,sobald das Tosen der Völkersluth sich legte, neue jugendliche Staaten-Unter diesen Staaten nahm das deutsche Reich, weil durch die Frankenkö-nige frühzeitig die Verbindung der deutschen Königs- mit der römische«Kaiserkrone eingeleitet worden, fast das ganze Mittelalter hindurch den er-sten Rang ein. In den erworbenen Ländern entwickelten die Germanenals eigenartige Schöpfungen das Lehnssystem (Gliederung der menschliche«Gesellschaft in verschiedene Stände) und das Ritterthum. Von der christ-lichen Geistlichkeit erhielten sie nächst der Heilsbotschaft des Christenthumsalle die Keime römischer und griechischer Kultur, welche die Kirche vermögeihrer Selbständigkeit aus dem Sturme der Völkerwanderung zu retten ver-mocht hatte. Aus Dankbarkeit gegen die wirklichen Verdienste der Geistlich-keit und aus Achtung vor dem römischen Namen, welcher durch die Erin-nerung an die Macht und Herrlichkeit des alten römischen Reichs nochimmer Glanz empfing, schaarten sich die jugendlichen Völker um den rö-Ansehen des mischen Bischof und erkannten ihn als den christlichen Oberhirten desPapstes. Abendlandes an. Sie fühlten sich als Christen und kämpften als solchegegen die fanatisirten Söhne der Wüste, die Araber, welche von Konstan-tinopel und von den Pyrenäen her Mitteleuropa überfluthen wollten, oderließen sich später das Kreuz aufheften, um die geweihten Stätten Palästi-na's den Ungläubigen zu entreißen.