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Mittlere Geschichte.
KrönungKarl desVII.
Gefangen-nahme derJungfrau1430.
Ihre Ver-brennung1481.
während im englischen Lager ein Grauen, wie vor Geisterspuk, vor demrätselhaften Mädchen einherging und alle Kräfte der Krieger lähmte. Denndaß Johanna von mehr als menschlicher Art sei, daran zweifelte Nie-mand, und es half den Anführern der Feinde wenig, wenn sie den Glau-ben verbreiteten, sie sei des Teufels Werkzeug: um so furchtbarer erschiensie nur. Es war kein Halten mehr unter den englischen Soldaten, sobaldes hieß: „die Jungfrau kommt!" Das ganze Bclagerungsheer geriethbald so außer Fassung, daß schon nach 9 Tagen (am 8. Mai) die Be-lagerung aufgehoben werden mußte.
3. So hatte die Jungfrau ihr erstes Versprechen erfüllt und schicktesich nun an, auch ihr zweites zu lösen. Sie begab sich nach Tours ^zum König, kniete vor ihm nieder und sprach: „Wohledler Dauphin,kommet und empfanget die heilige Salbung und Eure königliche Krone zuReims!" Die Städte zwischen Tours und Reims waren alle von denEngländern und Burgundern besetzt; dennoch folgte der König dem Ratheder Jungfrau. Mehrere Plätze ergaben sich, andere wurden mit Sturmgenommen. Johanna ging überall den Ihrigen voran und theilte jedeGefahr. Endlich führte sie den König glücklich nach Reims, wo am17. Juli 1429 die Krönung stattfand. Während der Feierlichkeit hatteJohanna, das Banner in der Hand, neben dem Könige gestanden. NachBeendigung derselben umfaßte sie seine Kniee und flehte um die Erlaubniß,wieder heimkehren zu dürfen, da ihre Sendung vollendet sei. Doch dieEngländer waren noch mächtig in Frankreich, hatten sogar noch die StadtParis in Besitz, und um keinen Preis wollte Karl die verlieren, welcheihm bisher solch' gute Dienste geleistet hatte. Auf sein dringendes Ver-langen willigte sie endlich ein, bei dem Heere zu bleiben.
Seit dem Zuge nach Reims war der Geist von Johanna gewichen.Zwar verrichtete sie noch manche Heldenthat, doch wurde sie (am 23. Mai1430) bei einem Ausfall aus der Stadt Compiegne^ von den bela-gernden Burgundern gefangen genommen und bald darauf für ein hohesLösegeld an die Engländer ausgeliefert. Diese schleppten das unglücklicheMädchen mit nach Roueni und warfen sie in einen tiefen Kerker. Manbetrachtete sie nicht als Kriegsgefangene, sondern als Zauberin und Ver-bündete des Teufels. Vor Gericht geführt, vertheidigte sie sich mit Ruheund Einsicht, blieb aber standhaft dabei, daß sie nur in Folge höhererOffenbarungen gehandelt habe. Die Richter hielten solche Behauptung fürGotteslästerung und verurteilten die Jungfrau als Zauberin zum Feuer-tode. Am 30. Mai 1431 wurde das grausame Urtheil auf dem Marktezu Rouen vollzogen. Mit ungewöhnlicher Fassung bestieg sie den Scheiter-haufen; sie rief wiederholt den Namen „Jesus" und gab dann den Geistauf. Ihre Asche ward in die Seine geworfen, damit auch keine Spur vonihr zurückbleibe. — Karl VII. hatte nichts gethan, um dieses Schicksalvon der Jungfrau abzuwenden, aber die dankbare Nachwelt hat ihr zuRouen, Orleans und Paris Bildsäulen errichtet und bewahrt noch heuteihr Gedächtniß in Sagen und Liedern.
4. Das Feuer, welches den Leib Johanna's zerstörte, konnte jedochden Geist nicht vernichten, der durch sie in den Franzosen erweckt worden
* Tours, S. 98 Amn. — Compiegne, Stadt am Einflüsse der Aisnein die Oise.— Rouen, Stadt in der Normandie, am Unterlaufe der Seine.