Band 
Dritter Kursus.
Seite
205
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Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, 1640—1688, 205

derer Fürsten veranlaßt. Wilhelm von Oranien hatte den englischen Kö-nigsthron erlangt, der Kurfürst von Sachsen war König von Polen gewor-den und das Haus Braunschweig - Lüneburg hatte die Kurwürde erhalten.

Dies Alles ließ in Friedrich den Entschluß, seinem Hause die königlicheWürde zu verschaffen, um so eher reifen, als er selbst viel Eitelkeit undeinen großen Hang zu äußerem Prunk besaß. Nur war der Entschlußleichter gefaßt, als ausgeführt. Den einzigen Anhalt bot das HerzogthumPreußen, doch war zur Verwandlung desselben in ein Königreich die Ein-willigung des römisch-deutschen Kaisers nothwendig. Leopold I. (1658 —

1705) war aber der Sache nicht geneigt, weil er meinte, „die Könige vonPreußen würden nicht so folgsam sein, als die Kurfürsten von Branden-burg." Nichts desto weniger wußte Friedrich seinen Zweck zu erreichen, in-dem er dem Kaiser Beistand in allen Kriegen i und dem österreichischenHause für immer feine Stimme bei der Kaiserwahl versprach. Nun erhielter die kaiserliche Genehmigung und ordnete für den 18. Januar 1701 zu PreußenKönigsberg die Krönung an. In königlichem Schmucke begab sich Friedrich Königreichnach dem Audienzsaal des Schlosses und setzte vor allen Großen des Reichs I?01.und den fremden Gesandten sich und seiner Gemahlin (Charlotte) die Kroneauf. Er saß auf einem prächtigen Throne und hielt Zepter und Reichsapfelin den Händen. Darauf begann unter dem feierlichen Geläute aller Glockendie Prozession zur Schloßkirche, wo nach Predigt und Gesang zur Salbunggeschritten wurde. Ein köstliches Gefäß von Jaspis, das auf einem goldenenTeller getragen ward, enthielt das heilige Oel, mit welchem zwei, eigens dazuernannte reformirte Bischöfe die Weihe vollzogen. Als das vollendet war,wurde das Kronaufsetzen vor dem versammelten Volke noch einmal wieder-holt. Eine allgemeine Amnestie und eine reiche Armcnspendc beschlossen dasFest. Am 6. Mai hielt der neue König seinen feierlichen Einzug in Berlin.

Ueber das ganze Unternehmen ward sehr verschieden geurtheilt^. Wasaber ursprünglich mehr als Werk der Eitelkeit erschien, zeigte sich in derFolge als ein Meisterstück der Staatsklugheit. Friedrich warf dadurchseinen sämmtlichen Nachkommen eine Lockspeise hin und rief ihnen gleichsamzu: „Ich habe Euch einen Titel verschafft, macht Ihr Euch seiner würdig; ichlegte den Grund zu Eurer Größe, Ihr müßt nun das Gebäude vollenden."

Friedrich I. sorgte jedoch nicht nur für den Glanz des brandenburgisch-Preußischen Staates, sondern vermehrte auch das Gebiet desselben. DurchErbrecht fielen ihm die Herrschaften Meurs^ und Lingen ^ zu; die GrafschaftTecklenburg-i in Westfalen wurde für 2,700000 Mark angekauft. Nach demTode des spanischen Königs Karl des II. nahm Friedrich als Herzog von Klevc,vermöge alter Ansprüche, Geldern 3 in Besitz; auch wurde er vvm Volke zumFürsten von Neuenburg in der Schweiz erwählt. — In seinen sonstigenBestrebunge n für die Wohlfahrt des Staates ist besonders die Gründung.. i In dem spanischen Erbfolgekriege (1701-1714) war Preußen demösterreichischen Hause ein treuer Bundesgenosse, und in der Schlacht bei Höchstädt(1704) und bei dem Entsatze der Stadt Turin (1709) ernteten die Truppen desUcuen Königs großen Ruhm.

^ Der Prinz Eugen äußerte: „Es habe der Minister, welcher dem KaiserZur Anerkennung der preußischen Krone gerathen, den Tod verdient."

3 Meurs, Tecklenburg und Geldern, Gebiete im nördlichen und nord-westlichen Theile der Provinz Westfalen. — Lingen, Grafschaft im südwestlichentheile der Provinz Hannover.