Band 
Dritter Kursus.
Seite
207
JPEG-Download
 

Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, 1640—1688.

207

lin ein allgemeines Krankenhaus (Charits) und 1734 gab der König alleinzu Schulstiftungen in Preußen 450,000 Mark her.

Für die Wissenschaften hatte der König keinen Sinn, ja er ver-achtete die Gelehrten und ließ aus Hohn gegen sie seinen Hofnarren zumPräsidenten der Berliner Societät der Wissenschaften ernennen. Dagegenwar er mit ganzer Seele für das Soldaten Wesen eingenommen. Schonals Prinz kannte er keine angenehmere Beschäftigung, als täglich den Ueb-ungen der Truppen beizuwohnen. Als König hatte er die größte Freudean seinem Leibregiment, welches aus lauter Riesen bestand, die aus allenLändern Europa's mühsam zusammen geworben waren. Nicht Geld, nichtList, nicht Gewalt wurde gespart, wenn es galt, sich einen Menschen, gleich-viel ob Inländer oder Ausländer, zu verschaffen, der zu der Riesengardepaßte. Die preußischen Werber durchstreiften deshalb die verschiedensten Län-der und verübten arge Ungerechtigkeiten. In den Häusern, ja in den Bet-ten wurden die Menschen überfallen; Löwen'sche Studenten, italienische Edel-leute, polnische Priester wurden nach Berlin und Potsdam geschleppt undohne Umstände eingekleidet. In allen Traktaten bedang der König sich„Gardesubjekte" aus, und einmal zahlte er für einen stämmigen Engländer27,000 Mark. Als er einst von einer schweren Krankheit einigermaßen ge-nesen war, bestand der erste Genuß, welchen er sich verschaffte, darin, daß ereine Abtheilung seines Leibregiments an seinem Bette vorbeimarschircn ließ.

Die Garde, sowie das ganze Heer wurde mit beispielloser Genauigkeiteingeübt. Der unermüdliche Exerziermeister war Fürst Leopold vonDessau ich 1747). Er ist der Erfinder der eisernen Ladestöcke und derUrheber jener außerordentlichen Fertigkeit und Abrichtung, wegen wel-cher das preußische Heer bewundert ward und andere Staaten zur Nach-ahmung reizte. Denn vermöge dieser außerordentlichen Uebung feuertenPreußische Bataillone drei Mal so geschwind, als andere, und auf einenRuf waren die Schlachtreihen gebildet. Die fürchterliche Strenge der Sub-ordinationsgesetze bewirkte diese Wunder; aber fürchterlicher als jene Gesetzewar die Unmenschlichkeit, mit welcher die Befehlshaber gegen die Rekrutenverfuhren. — Zur Freude des Königs wurde nach und nach das Heer von30,000 auf 80,000 gebracht.

In der Persönlichkeit Friedrich Wilhelm des I. lag wenig Liebenswür-diges, vielmehr das Wesen eines strengen Hausherrn. Seine Heftigkeit,welche der Karl des Xll. und Peter des Großen sehr nahe kam, verleiteteihn oft, mit dem Stocke, ja mit der Faust auf Andere loszuschlagen. Derverschlafene Potsdamer Thorschreiber, welcher früh die Bauern vor demThore warten ließ, wurde von ihm mit den Worten: „Guten Morgen,Herr Thorschreiber! Guten Morgen!" aus dem Bette geprügelt. Auf derStraße wich man dem Könige gern aus, weil er die Leute gewöhnlich scharfausfragte. Einst nahm vor ihm ein Jude Reißaus. Diesen prügelte erbeim Einholen sofort durch, weil derselbe gestand, daß er sich vor demKönige gefürchtet habe. Er prügelte ihn mit den Worten: „Lieben, liebensollt Ihr mich!" Widerspruch konnte der König nicht vertragen. Ein„Räsonnir er nicht!" in abschreckendem Tone durch die Nase geschnarrt,schnitt alle Einwendungen ab. Sonst aber war er gerecht und sah darauf,daß Verbrechen ohne Ansehen der Person geahndet wurden.

Unter Friedrich Wilhelm dem I. erweiterte sich das Staatsgebiet um

Soldaleu-

wesen.

Der alteDessauerch 1747.

FriedrichWilhelmdes I.Prügellust.