10 Erstes Buch: Die französische Revolution und die Neugestaltung Europas. Z 4.
Calonne
1783—1787
22. Febr.1787
Lornenie deBrienne1787—1788
Aug. 1787
Nov. 1787
Mai 1788
1788
der leichtsinnige, verschwenderische Calonne die bedenkliche Finanz-verwaltung. Er wich von Neckers Sparsystem ab, kam den Wünschender Königin und den Bedürfnissen der Prinzen und Hofleute völlig ent-gegen und täuschte eine Zeitlang die Welt durch verheißene Finanz-reformen, die aller Not ein Ende machen sollten. Bald jedoch waren seineMittel erschöpft, und die aus Adel und Klerus, hohen Staatsbeamten,Parlamentsräten und einigen Städteabgeordneten bestehende Notabeln-versammlung, die seit dem Jahre 1626 nicht mehr berufen war, sollteRat schaffen. Aber statt der erwarteten Hilfe fand Calonne in ihr dieheftigsten Gegner. Sein Vorschlag einer allgemeinen, auch den Adel undKlerus umfassendenden Grundsteuer wurde von diesen Privilegierten ent-schieden verworfen, und der Sturm über das bei der Gelegenheit zutagegekommene Defizit wurde so heftig, daß Calonne seiner Stelle entsagteund sich nach London begab, um der ihm drohenden Anklage zu entgehen.Sein eifrigster Gegner in der Notabelnversammlung, Lomenie deBrienne, Erzbischof von Toulouse, wurde sein Nachfolger.
Brienne hatte einen schweren Stand. Der König hatte gleich imAnfange seiner Regierung den Fehler begangen, das Parlament in seinealten, 1771 verlorenen (Z 2) Rechte wieder einzusetzen. Als Brienne nunzwei neue Steueredikte bei dem Parlamente einzeichnen lassen wollte, stießer auf so hartnäckigen Widerstand, daß der König nach dem vergeblichenVersuch, denselben durch eine Kissensitzung zu brechen, die kühnstenRäte nach Trotzes verwies. Bei diesen Streitigkeiten, bei denen auch dasVolk mit größter Lebhaftigkeit teilnahm, wurde der Ruf nach derEinberufung der General stände laut. Umsonst traf Brienne mit denälteren, bedächtigen Gliedern des Parlaments eine Übereinkunft, wonachdie Steueredikte zurückgenommen, dagegen aber eine Anleihe von440 Millionen bewilligt werden sollte; kaum wurde in einer könig-lichen Sitzung auf Bestätigung des Anlehens angetragen, als mehrereMitglieder, vor allem Philipp von Orleans, gegen diese Maßregel pro-testierten und nach des Königs Entfernung sich in so heftigen Redenergingen, daß der Hof zu neuen Verhaftungen schritt, dadurch aber nurdie Erbitterung und den Widerstand vermehrte. In einer von demParlamentsrate Duval d'Eprsnwnil entworfenen und von allen seinenAmtsgenossen angenommenen Erklärung wurde die seit Richelieu herrschendeAnsicht, daß dem Monarchen nicht bloß die ausübende, sondern auchdie gesetzgebende Gewalt innewohne, erschüttert und sowohl dasSteuerbewilligungsrecht der Stände als die Ungesetzlichkeit der Haftbriefeund die Gültigkeit der Rechte und Privilegien der Magistrate und Provinzenso klar und energisch dargetan, daß der König und die Minister, ergrimmtüber die Vermessenheit und beunruhigt über den neuen Geist, von demder ganze Gerichtshof erfüllt zu sein schien, mit den Parlamenten ähnlichzu verfahren beschlossen, wie es Ludwig XV. getan hatte. So wurdendie kühnsten Räte verhaftet, die übrigen durch aufgestellte Truppen undeine Thronsitzung zur Annahme der neuen Organisation gezwungen.Nach dieser sollte statt des Parlaments eine aus dem hohen Adel undeinigen Hosleuten gebildete oour xlsnlöro die Eintragung der Gesetzeund Steuererlasse vornehmen ; die Parlamente der Provinzen wurden inihrem richterlichen Geschäftskreise verkürzt, indem fast alle bürgerlichenStreitigkeiten und alle peinlichen Sachen, bei denen weder Geistliche noch