32 Erstes Buch: Die französische Revolution und die Neugestaltung Europas. Z 15-
Reaktion. Außerdem standen die Wahlen zum Konvent bevor, und dießdurften nicht bei einer gemäßigten Stimmung der Franzosen erfolgen,wenn die Herrscher des Tages sich am Ruder, vielleicht am Leben erhaltenwollten. „II taut kairs ponr aux ro^olwtes/ sagte Danton in derVersammlung mit einer sehr bezeichnenden Gebärde und erklärte arn28. August, daß, wenn sich das Volk in Massen dem Feinde entgegenwersensolle, es sicher vor den Feinden im eigenen Hause sein müsse. Demgemäßtraf er mit kaltem Blute die Vorbereitungen zu einem entsetzlichen Schlage.^b-Ed^Vom 2. bis 7. September zogen Banden gedungener Mörder undBösewichte in die Gefängnisse. Zwölf von ihnen, den schrecklichen Maillardan der Spitze, fungierten als Geschworne und Richter, die andern alsHenker. Von diesen entmenschten Scharen wurden dann unter der Formeines Gerichtsverfahrens die Verhafteten ermordet. Gegen 3000 Menschenwurden durch diese Mordbanden, die für ihre „Arbeiten" von dem Gemeinde-rat einen Tagelohn erhielten, entweder einzeln hingeschlachtet oder inMasse getötet.
Unter ihnen befand sich die durch Adel der Geburt wie der Gesinnung ausgezeichnetePrinzessin Lamballe, die intimste Freundin der Königin; ihren Kopf trug ein SchwärmPikenmänner auf einer Stange an den Temple und hielt ihn an Marie Antoinettens Fenster.
Ein von Marat u. a. unterzeichnetes Rundschreiben forderte die Bewohner der Departe-ments zur Nachahmung auf, damit nicht, während die Patrioten ihre Waffen gegen denäußern Feind kehrten, Verräter in ihrem Rücken lauerten. In vielen Städten kam mander Aufforderung nach (in Versailles am 9. Sept.). Die Errichtung des außerordentlichenGerichtshofes nebst dem städtischen Ausschuß der Wache (eomits äs survsillnutZ), wobeineben den Schreckensmenschen Tallien, Mehee de la Touche, Sergent u. a. der schmutzige,in seiner ganzen Erscheinung ekelhafte Marat ein tätiges Glied war, die Übertragung desOberbefehls der Nationalgarde an Santerre und die wilde Zerstörung aller Statuen,Wappen, Inschriften und anderer Zeichen der alten Zeit bildeten den Schluß der August- undSeptembertage, die den Übergang aus dem monarchischen Frankreich in das republikanischebezeichnen.
Lafayetts Lafayette sah diesen Wechsel der Dinge nicht mehr im Vaterland. Sein rechtlicher
Sinn und seine Anhänglichkeit an die konstitutionelle Monarchie machten ihn dem Umsturzabgeneigt. Er ließ die Abgesandten der Nationalversammlung, die das Heer durch einenEid an die neue Ordnung knüpfen wollten, verhaften. Aber bald überzeugte er sich, daßseine Truppen mit den Republikanern übereinstimmten. Von der Nationalversammlungals Hochverräter erklärt und zur Verantwortung vorgeladen, blieb ihm nichts übrig alsFlucht. Seine Absicht war, sich mit einigen Gleichgesinnten (Alex. Lameth, Latour-Maubourg) über Holland nach Nordamerika zu begeben, aber er fiel in die Hände der
20. Aug. t?SL Feinde, die ihn unedel als Kriegsgefangenen festhielten und fünf Jahre lang in den Kerkern
von Magdeburg und Olmütz schmachten ließen. Talleyrand ließ sich von Danton einenPaß nach England geben und wartete dann in Amerika ruhigere Zeiten ab.
§ 15. Kriegsbegebenheiten. Während dieser grauenvollen EreignisseT-ldzug tu in Paris und den Provinzen war das preußische Heer unter dem HerzogFerdinand von Braunschweig über Lothringen langsam und methodischder Champagne zugezogen. Umsonst suchte Friedrich Wilhelm II., der miteiner gewissen Romantik vor Verlangen brannte, einen ritterlichen Kampsgegen die Revolution zu führen, die verletzte Majestät zu rächen und
den gestürzten Königsthron wieder aufzurichten, den Herzog zu einemschleunigen Zug gegen Paris zu bewegen. Dieser, an kunstgerechte undbedächtige Kriegsweise gewöhnt, vergeudete die Zeit mit der Eroberung
unbedeutender Festungen (Longwh und Verdun) und betrat die Champagnein der ungünstigsten Jahreszeit, als die Wege durch den Regen ungangbar20 beworben waren. Die günstige Stellung, in der sich die Preußen beiValmh an den Argonnen Dnmonriez und Kellermann gegenüber befanden,