148 Zweites Buch: Literatur und Kunst Europas im Zeichen der Romantik. 8 80 -
ihre Nachahmung in Deutschland. Da aber hier das freie öffentliche Leben Englands fehlte,so drehen sich die deutschen humoristischen Romane hauptsächlich um Meinungen, Gelehr-samkeit, Wissenschaft, besonders aber um Religion und Theologie. Johann TimotheusHermes Hermes aus der Gegend von Stargard brachte in einer Folge breiter Romane, von denen17 W- 18 L 1 Sophiens Reise von Memel nach Sachsen am bekanntesten ist, seine Ansichten undLehren über Ehe, Haus und weibliche Erziehung, namentlich seine Gedanken über den geist-lichen Stand und seine Hebung an. Abhold aller Gefühlseligkeit, preist er alte Sitte,
Zucht und Ehrbarkeit, aber auch Spießbürgerlichkeit. Der in Leben und Werken gleich wider-v°» Hippsl spruchsvolle, seine Schriftstellerei ängstlich geheimhaltende Theodor Gottlieb von Hippelaus Gerdauen, der als Stadtpräsident von Königsberg starb, ließ in den Lebens laufennach aufsteigender Linie nebst Beilagen L. 8 . 6 . und in den Kreuz- und Quer-zügen des Ritters A bis Z Phantasie und Humor frei walten. Ein scharfer Beobachterund nachdenklicher Mann — er war Kantianer —, verarbeitete er in seinen Romanen eigenewie fremde Schicksale, seine religiösen, politischen und wissenschaftlichen Ansichten, seineIdeen und Beobachtungen über Gesellschaft, Ehe, Frauenleben u. a. m., Gegenstände, dieer dann auch in Einzelaufsätzen, wie Über die Ehe, Über die bürgerliche Ver-I7SS-1787 besserung der Weiber, behandelte. Johann Karl August Musäus aus Jena, zuletzt" Professor am Gymnasium in Weimar, kämpfte als Jünger Wielands und in des Meisters
gefälliger Art gegen die Empfindsamkeit (Der deutsche Grandison) und in den Phy-siognomischen Reisen gegen Lavater. Hier seine Stärke, ward die Ironie seine Schwächein der wohlgemeinten Sammlung Volksmärchen der Deutschen. Ein ausgesprochener ;
Gegner aller Phantastik und Kraftgenialitüt vom Standpunkte der Aufklärung war der ,
^irische Johann Gottwerth Müller, Buchhändler in Jtzehoe, mit seinen Romanen, <
1743—1828 besonders dem Siegfried von Lindenberg. Viele Angriffe hatte der preußische Feld- :
Lafontaine Prediger August Heinrich Julius Lafontaine wegen seiner spießbürgerlich-empfindsamen s
I 7 og-i 8 si ^ erdulden. Ein Vielschreiber, nützte er sein Talent bald ab, so gut seine Absichten I
im Quinctius Heymeran von Flamming (gegen die Standesvorurteile) und in i
17«—1819 Üinen erzieherischen Schriften waren. Johann Karl Wezel aus Sondershausen, einst gefeiert ^
wegen seiner freilich stark auftragenden Darstellung, besonders in dem Roman Lebens- >
geschichte Tobias Knauts des Weisen, eines Sonderlings, starb, aus verletztemEhrgefühl krank geworden, in Geistesumnachtung. — In diesen Kreis gehört auch der in h
Band III erwähnte Moritz August von Thü innre l. 1
Den ersten Rang unter den humoristischen Nomanschreibern nimmt Johanni 7 öo-dg 2 s d"ul Friedrich Richter, Jean Paul, wie er sich selbst nannte, ein. Erwar in Wunsiedel geboren, vertauschte nach 1781 das theologische Studium inLeipzig mit dem freien Berufe des Schriftstellers, wurde aber durch die Not zurLehrtätigkeit gezwungen. Bald glaubte er wieder von der Feder leben zu können.Er besuchte Bayreuth, Weimar, wo er seiner „Titanide", Charlotte von Kalb,näher trat als dem großen Dichterpaare, dann Leipzig, verweilte wieder an denthüringischen Höfen, ließ sich aber nach seiner Verheiratung mit Karoline Meyerendlich in Bayreuth nieder, unterstützt durch Dalberg und König Max IDie ländliche Einsamkeit, in der der Pfarrersohn geboren wurde, überließ denKnaben seiner regen Kinderphantasie und einem reichen Gefühlsleben. Dadurchwurde seine Vorliebe für das Klein- und Stilleben geweckt, die ihn nie verlassenhat und verbunden mit der Empfindsamkeit und ewig jungen Gefühlswärme seinerNatur den Grundton seiner Schriften bildet. Schon auf der Schule in Hof be-gann er in einer Zettelsammlung allerhand Lesefrüchte und Aufzeichnungen fürzukünftigen Gebrauch aufzuspeichern. Später zwang ihn des Vaters Tod zurSchriftstellerei. Er begann eine ausgedehnte Lektüre, namentlich der WerkeRousseaus. Doch eignete er sich nur an, was seiner Natur, seiner Denk- uudEmpfindungsweise entsprach. So blieb seine Bildung bei aller Breite ein-seitig. Sein ganzes Leben bewegte sich in dem Sinnes- und Empsindungskreiseder Jugend, und die Sentimentalität, die Allmacht schöner Gefühle und dieBegeisterung und Schwärmerei für ideale Zustände, wie sie bei der Jugend vor-herrschen, bei ihm aber in erhöhtem Maße lebendig waren, übertrug er in seineSchriften. In ihnen finden sich jene Grundsätze einer leuchtenden Tugend,jener Sinn für Reinheit und Unschuld der ersten Jahre, jene gesteigerten Be-griffe von Freundschaft und Liebe, endlich der stürmische Freiheitsdrang,sie sich in edlen Jünglingen zeigen.