Band 
Vierter Band.
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149
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80. Erstes Kapitel: Literatur (die außerdeutsche bis zum Ende des Jahrhunderts). 149

Der Gegensatz dieser idealen Welt mit ihren „hohen Menschen" zur^"°mansWirklichkeit bildet die Grundlage aller Romane Jean Pauls, die daher einen 3 -an Paulsdoppelten Charakter tragen. Humoristisch sind sie, indem sie die Außenweltsiut Spott und Ironie verfolgen, aber auch die Höhen und Tiefen des mensch-lichen Daseins mit sonnenhellen Blicken betrachten, idealistisch, insofern dieHelden als Muster aller Vollkommenheit und Seelenreinheit dargestellt werden.

Ärm an Handlung, schwelgen die Romane in Gefühl und Gesinnung; ihr Haupt-liegt in der Kleinmalerei, in den idyllischen Schilderungen aus dem ein-armigen Leben der Landpfarrer, Dorfschullehrer und Amtleute, auch aus dengesellschaftlichen Zuständen an kleinen Höfen. Jean Paul hat es verschmäht, sichden großen Mustern der Hellenen zu bilden. Daher verlor er sich in alle^rrgänge der Formlosigkeit. Seine phantastische Manier der Darstellung, in die^ allerlei fremdartige Kenntnisse, dunkle Bilder, Vergleiche und Anspielungen^us seinen gelehrten Sammlungen oder aus seiner unerschöpflichen Einbildungs-ssaft einstreute, schmälert unleugbar den Genuß. Dagegen haben ihn seineIdealität und Gefühlsinnigkeit, das „liebevolle Versenken in die innere Ent-wickelung der Persönlichkeit und sein aufgeschlossener Sinn für das Leben der^atur" zum Liebling der weiblichen Leserwelt gemacht, die leicht über Dunkel-et und Regellosigkeit hinwegsah. Doch hat auch Herder, mit dem JeanPaul während seines ersten Aufenthalts in Weimar 1796 Freundschaft schloß,günstig über ihn geurteilt. Am gelungensten sind seine Naturschilderungen,iftne Landschaftsbilder, worin Berge und Täler, Dörfer und Lustgärten, derstille Haushalt der Natur mit Sonnenauf- und Sonnenuntergang, die Be-achtung und landschaftliche Stimmung mit zarter Kunst gezeichnet werden.

Dagegen verflüchtigt der Dichter die Liebe häufig zu bloßer Empfindelei ohneEe sinnliche Unterlage.

Jean Paul begann mit der Satire nach dem Vorgänge Swifts (Bd. III). 1783 erschienensie Grönländischen Prozesse. Bald ging er zum humoristischen Romane über. DieUnsichtbare Loge, eine Erziehungs- und Bildungsgeschichte, zeigt zuerst die Vermischungdon Ernst und Scherz, die verschwommene Gefühlseligkeit, die zu Tränen rühren, und denWitz und Humor, die Lachen erregen. In der Vereinigung beider haben Jean PaulsDomäne fortan ihre charakteristische Grundlage. Im Hesperus treten die weichmütigensiüge der neuen Art: Wohlgefallen am Ruhenden und gefühlvolles Verweilen beim mensch-üchen Elende, noch stärker auf. Ebendadurch aber errang das Buch einen außerordentlichenErfolg. Der Anlage des Dichters zur humoristischen Verklärung idyllischer Zustände ent-sprach in glücklichster Weise die Schilderung des Kleinlebens im Lehrerhause, das er jaselbst erlebt hatte. So berichtet er sowohl im Leben des Qu intus Fixlein als insen Blumen-, Frucht- und Dornenstücken oder Ehestand, Tod und Hochzeit°es Armenadvokaten F. N. Siebenkäs im Grunde von sich, seinen KümmernissenUnd Freuden, bei aller Wehmut doch mit großer Wirklichkeitstreue und scharfer Erfassungöes Lebens, wie es ist. Im Kampanertal wandte er sich dagegen den letzten Fragen,

Lehre von Gott und Unsterblichkeit, zu. Am vollständigsten offenbart sich seine Eigen-art in den zwei Hauptwerken Titan und Flegeljahre. Jenes schildert die „titanischenMaturen des Zeitalters", edle, die sich auf ihrem Lebensgange zur menschlichen Vollkommen-st läutern, wie andere grenzenlos verdorbene. Bemerkenswert sind im Romane die be-geisterten Bilder von Italien. In den unvollendeten Flegeljahren wird an zwei verschieden-gearteten Brudern, von denen der eine das rührende Abbild der träumerischen Jugend-huschuld, der andere ein Weltkenner und Humorist ist, die Doppelnatur der Dichtung Jean^anls in gelungenster Weise anschaulich gemacht und der tragikomische Zusammenstoß des^ugendideals mit der prosaischen Welt vorzüglich geschildert. In diesen zwei Werken scheintDichter „das Übermaß seiner Phantasiekräfte ausgetobt zu haben". Was folgte, war^shig gehalten, so Dr. Katzenbergers Badereise, Der Komet oder NikolausMarkgraf, Leben Fibels u. a. Nebenher gingen wissenschaftliche Werke: VorschuleÄsthetik, Levana oder Erziehungslehre. Am Ende seines Lebens wandte eroch noch einmal, wie schon im Kampanertale dem Jenseits zu mit dem erst nach seinemTode veröffentlichten Buche Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele.

Keine Literaturgattung fand mit der fortschreitenden Bildung soviel Pflege^ud einen so ausgedehnten Leserkreis wie der Roman. In ihm spiegelte sich