Drittes buch.
Europa von der Stiftung der Heiligen Allianz bi§zur Mulirebolution.
Romanti-scher Geist
Heilige
Ällianz
§ 99. Überschau und Vorblick. Wie im Leben des einzelnen aus ^
Zeiten übergroßer Anspannung Zeiten der Erschlaffung folgen, so auch .
in dem der Völker: hier wie dort vollzieht sich die Entwicklung nicht in ^
geradem Fortschritt, sondern in Zickzacklinien. Das beweist für die Völker- I
geschichte auch die Zeit nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Macht- !
Die Ursache dafür liegt in dem Schrecken, den die Greuel der s
französischen Revolution und die Lasten der napoleonischen Zwangs' !
Herrschaft über das alte Europa gebracht hatten: unter diesem Eindruckerstarkte jene Geistesrichtung, die wir die romantisches 81 )nennen- >Die Ideen der Aufklärung und der Revolution kamen in Mißkredit:hatte man sich hier nur vom Verstände leiten lassen, eine neue Weltordnungkonstruiert und dem historisch Gewordenen kein Recht zuerkannt, so tratjetzt das Gemüt wieder in sein Recht, so erschien jetzt eben das Historische !wieder als wertvoll. An die Stelle der Freigeisterei trat eine sich ver-schiedenartig äußernde Frömmigkeit und Kirchlichkeit: sie zeigte sich ebenso'sehr in schwärmerisch-mystischen Empfindungen, wie in der Union derpreußischen Landeskirche und in der Wiederherstellung des von der Auf'klärung beseitigten Jesuitenordens. Aus wissenschaftlichem Gebiete nährndie Geschichtsforschung einen gewaltigen Aufschwung, und die historischeAuffassung des Rechts verdrängte das Naturrecht. In der Kunst wandteman sich ab vom Klassizismus und kehrte zu nationalen Gedanken zurück-wie denn der nationale Gedanke aus dem historischen Sinne der Romantrküberhaupt Nahrung zog.
Gestützt auf diesen Geist konnten die vor der Revolution allmächtigesKreise der Gesellschaft die Früchte der großen Befreiung der Masse desVolkes entziehen und für sich Pflücken. Diesem Geiste entsprach dwHeilige Allianz; in ihm fand sie ihren Verbündeten. So erhavender Gedanke einer christlichen Völkerfamilie mit allgemeiner Bruderliebeauch sein mochte, so ideal das Gelöbnis der Herrscher, ihre Völker abFamilienväter su beherrschen, erschien: die Heilige Allianz bekundete doch >zunächst die Absicht, die Geschicke Europas nicht durch die Völker-die in der Revolution und den Befreiungskämpfen die Entscheidunggebracht hatten, sondern wie im 18. Jahrhundert durch die Regie-