Erstes Buch: Die morgenländischen Völker. Z 18.
und kühner Unternehmungen, das gelobte Reich der Sagen, Märchen undDichtungen. Neben der stumpfen Ergebenheit in das Schicksal zeigendie Inder aber heute noch eine hochmütige Verachtung alles Ausländischen.Mit zäher Hartnäckigkeit bewahren sie die Einrichtungen und Satzungenihrer Vorfahren. Ein jeder Versuch, die unerbittlichen Gesetze zu beseitigen,und das Volk von seinem Aberglauben zu befreien, gilt ihnen als feind-licher Eingriff in ihre Rechte. Nicht einmal den Feuertod der Witwenhat man ganz zu beseitigen vermocht. Eroberer sind aus Eroberer gefolgtund haben das Land unterworfen, aber bezwungen ist es noch niemalsworden. Der passive Widerstand, der in der Abwendung von der wirk-lichen zur übernatürlichen Welt seine Hauptwurzel findet, ist zu über-mächtig, und gewaltige Zuckungen haben schon oft die fremden Herrenbelehrt, daß in der Tiefe des indischen Volksgeistes Gewalten schlummern,die man nicht ungestraft wecken darf.
Drittes Kapitel.
Das babylonisch-assyrische Reich.
H 18. Land und Leute (vgl. Z 6). Schon in den ältesten Zeiten wardas fruchtbare Land, welches sich zwischen den beiden gewaltigen StrömenEuphrat und Tigris ausdehnt, von zahlreichen Völkern bewohnt; die reichenWeiden in dem Zwischenstromland (Mesopotamien) lockten aus den gewaltigenöstlichen Gebirgen und den dürren westlichen Steppen immer neue Bewohneran und brachten sie durch engeres Zusammenleben zu den Anfängen derStaatenbildung und Kultur. Man kann das Land selbst in zwei Teile zerlegen,von denen der südlichere (Babylonien) der fruchtbarere war. Er reichtevon den Mündungen beider Ströme, die sich noch in historischen Zeiten getrenntin den persischen Meerbusen ergossen, bis etwa zum 34. nördlichen Breiten-grade und stellte ein fruchtbares, aber auch den Überschwemmungen sehr aus-gesetztes Land dar. Die Bevölkerung, die außerordentlich dicht war, beschäftigtesich meist mit Ackerbau und verstand es, die wilden Gewässer der Bergströmedurch ein ausgedehntes Kanalnetz, das bis in die feinsten Adern verästelt war,sich und ihrem Wohlstände nutzbar zu machen. Im Norden dieses überausfruchtbaren und gesegneten Landes dehnten sich gewaltige Weideländereien aus,die von zahllosen Herden durchzogen wurden, das eigentliche Assyrien, dasbis an die karduchischen Gebirge reichte. Heute ist dieses Land infolge jahr-tausendelanger Mißwirtschaft eine menschenleere Einöde, die nur einzelnenHirten und Herden magere Weiden gewährt. Doch ehedem war das ganzeLand von einer zahlreichen Bevölkerung besiedelt, von deren Menge und Kulturuns noch die riesenhaften Ruinen zu erzählen wissen, die Jahr für Jahr auf-gedeckt werden, um Zeugnis für eine längst entschwundene Zeit zu geben.
Älteste Das erste Volk, dessen Ansiedlungen wir in diesen Stromebenen begegnen, waren die
Sunlerier^U""^"'' (Akkadier), deren Ursprung zweifelhaft ist, und die von manchen mit denTnrkvölkern Turans zusammengebracht werden. Sie waren die Vater der Sternkunde unddie Erfinder der Keilschrift. Schon frühzeitig fand eine Durchsetzung und schließliche Auf-saugung dieses Volkes durch die von Osten hereindrängenden Semiten statt, die aus Elamhernicderstiegen und sich der fruchtbaren Ebene bemächtigten. Schon um das Jahr 3000v. Chr. finden wir das ganze Land von ihnen besetzt, die sich allmählich der Herrschaftbemächtigten und die alten Bewohner in sich aufnahmen. Gewöhnlich werden jene SemitenSemiten Chaldäer genannt. Die Ansiedlung scheint auf friedlichem Wege vor sich gegangenzu sein, indem die Einwohner, um sich der Überfülle zu erwehren, den Eindringlingeneinen Teil des Acker- und Weidelandes überließen und sie in den Verband ihrer Städteaufnahmen. Dieser Prozeß einer friedlichen Aufnahme der von Osten und Westen kommenden